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Geisteswissenschaft

Wortwirbelsturm gegen die Sendezeit
Roger Willemsen in Mannheim; Foto: Wikipedia
Roger Willemsen wird Honorarprofessor im Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität. Seine Antrittsvorlesung geriet zur rasenden Tour de Force durch die Geschichte der Reiseliteratur.

Zwanzig Minuten vor Veranstaltungsbeginn sind alle 180 Sitzplätze belegt – zur einen Hälfte von Studenten, zur anderen von graumelierten Spätstudenten. Die Universitätsleitung in ihrer unendlichen Weisheit hat die Antrittsvorlesung ihres berühmten Neuzugangs nicht etwa ins Audimax verlegt. Oder in den ebenfalls geräumigen Kinosaal.

Nein, Roger Willemsen soll in einem ganz gewöhnlichen Hörsaal sprechen – er trägt die Nummer 1.101. Als der Star-Intellektuelle pünktlich um Viertel nach Sieben eintrifft, ist auf den Treppenstufen kein Platz mehr frei – ein anschaulicher Eindruck von den Zuständen an deutschen Hochschulen.

Der Fakultäts-Dekan überreicht Willemsen eine Urkunde zur «Bestellung als Honorarprofessor in Anerkennung hervorragender Leistungen in Forschung und Lehre» und hält eine sterbenslangweilige Laudatio. Gespickt mit Fachchinesisch, soll sie vor allem deutlich machen: Weder schmückt sich die Humboldt-Universität mit einem zugkräftigen Namen, noch will sie einen Paradiesvogel an sich binden.

Sondern: Das Institut für deutsche Literatur betrachtet Willemsen als seriösen akademischen Kollegen, der seine Erkenntnisse ex cathedra verbreiten möge. Honorarprofessuren sind Ehrentitel. Der Geehrte hält Vorlesungen oder Seminare, hat keine weiteren Verpflichtungen und bekommt kein Salär. Das unterscheidet ihn vom ordentlichen Professor, der habilitiert sein muss.

Willemsen hat das vor einem Vierteljahrhundert versucht. Nach seiner Doktorarbeit über Robert Musil begann er eine Habilitationsschrift über den «Selbstmord in der Literatur». Die brach er ab, um freier Autor zu werden, bevor er beim Fernsehen anheuerte. Der Rest ist TV-Geschichte. 2002 zog er sich von der Mattscheibe zurück; seither schreibt er Artikel, Essays und Bücher.

Stets geistvoll – «Der Knacks» von 2006 gehört zum Klügsten, was auf Deutsch über die Desillusionierung durch das Leben verfasst worden ist. Sein Stil ist gewiss eleganter als der sämtlicher Lehrstuhlinhaber dieses Instituts. Aber höchste akademische Weihen erhält Willemsen erst jetzt.

Nun tritt der am meisten gebildete Mensch, der jemals deutsche TV-Talkshows moderierte, ans Rednerpult. Und brennt ein Feuerwerk ab, als sei dies nicht seine Antritts-, sondern seine Abschiedsvorlesung. Willemsen stützt sich auf sein Manuskript «Die Enden der Welt»; das Buch soll im Herbst erscheinen. Der Titel seines Vortrags lautet «Der kleine Horizont. Zur Poetik des Fortfahrens».

Vulgo: Es geht um Reiseliteratur – wie sie entstanden ist, sich im Lauf der Zeit verändert und auf Autoren wie Leser ausgewirkt hat. Ein kulturgeschichtliches Thema, wie es seit längerem in allen Geisteswissenschaften sehr beliebt ist. Doch Willemsen bietet weder eine Einführung, noch eine Systematik oder auch nur griffige Thesen.
 
Stattdessen rast er mit rhetorischen Siebenmeilenstiefeln durch Entstehung und Entwicklung des Genres, als müsse er sein Buch in einer einzigen Ansprache resümieren. Dabei fällt manche interessante Einsicht an und manch hübsches Zitat – etwa Fontanes Bemerkung über Urlauber: «Jede Prosa-Existenz will einmal jährlich poetisch leben». Doch alles geht in einem Wortwirbelsturm unter, der Fluchtreflexe auslösen könnte, wäre nicht der Weg zum Ausgang versperrt. 

In zehn Minuten springt Willemsen von William Lithgow, einem Weltreisenden des 17. Jahrhunderts, bis zu den Weltall-Reisen der Raumfahrer. Gegen Ende seines Vortrags steigert er das Tempo noch, als signalisiere ihm ein imaginärer Aufnahmeleiter, die Sendezeit laufe ab.

Roger Willemsen auf der litCOLOGNE 2007; Foto: Wikipedia

Nach knapp einer Stunde ist der Hochgeschwindigkeits-Redner fertig – seine Zuhörer sind es auch. Bis Mitte Oktober: Im kommenden Wintersemester bietet Willemsen ein reguläres Seminar an. Das sollte er etwas ruhiger angehen, damit ihn die Studentengeneration i-Pod auch versteht.

Kultiversum präsentiert einen Auszug aus der Antrittsvorlesung von Roger Willemsen.


29.06.2010 Oliver Heilwagen
(1)

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Franca von Parthier
von Franca von Parthier am 30.06.2010 11:13 Uhr
Geistvoll und elegant, dieser "am meisten gebildete Mensch"? Der Mitschnitt beweist doch eher: name dropping, Paraphrasen und ein Zitat ans nächste gereiht. Le style - c'est l'homme même. Was übrigens auch für Kultiversumser gilt: "Ein kulturgeschichtliches Thema, wie sie (sic!) seit längerem sehr beliebt sind ..." Höchste Zeit für Entschleunigung und Besinnung.
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