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Katastrophengewinner

Willkommen in der Zukunft
Foto: Simon Miller / EU
Die Klimaerwärmung führt zur globalen Verwüstung? Nicht überall! Einige Landstriche werden sogar fruchtbarer

Wer hätte das gedacht: In vielen Regionen dieser Erde wird es grüner. Während die Umweltorganisation WWF die Alarmglocken läutet, weil weltweit jede Minute 36 Fußballfelder Wald durch Kahlschlag oder Brand verloren gehen, erobern mancherorts junge Bäume, Sträucher oder Blümchen neue Territorien. Was wie eine gute Nachricht klingt, ist indes nur eine Seite der Medaille. Die andere bietet eher Grund zu Skepsis: Denn der grüne Trend ist eine vorläufig positive Begleiterscheinung einer sonst katastrophalen Klimaentwicklung – mit unkalkulierbaren Folgen für die Artenvielfalt unseres Planeten.

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„Der Freitag - das Meinungsmedium”

Dass der Klimawandel manche paradoxe Blüte treibt, lässt sich ausgerechnet auf jenem Kontinent beobachten, der voraussichtlich am härtesten vom Treibhauseffekt getroffen werden wird: Afrika. Während weite Teile Ostafrikas von einer schweren Dürre betroffen sind, das Weideland verwüstet ist, lässt sich in vielen Gebieten der Sahel-Zone Überraschendes beobachten. In dem immer wieder von Hungersnöten und Trockenheit geplagten Landstreifen, der sich südlich der Sahara quer über den Kontinent legt, wird es vielerorts wieder grüner. Allenthalben bezeugen Satellitenbilder aus den letzten zwei Jahrzehnten neuen Pflanzenwuchs.

Auch weiter nördlich, in der zentralen Sahara, sprießt an vielen Stellen frisches Grün. Während anderswo Wüsten neues Terrain erobern, dringt die Sahel-Vegetation nach Norden vor. Auf seinen Reisen in den Sudan und den Tschad konnte Stefan Kröpelin, Geoarchäologe an der Uni Köln, die Entwicklung seit fast drei Jahrzehnten mit eigenen Augen verfolgen: „Wir beobachten eine ganz deutliche Zunahme an Kräutern und Gräsern“, berichtet der ­Afrikaexperte. „Wo man sich vor zwanzig Jahren noch über jedes millimetergroße Gräschen gefreut hätte, da wächst jetzt eine regelrechte Grasdecke.“ Die Nomaden drängen inzwischen bis in Gebiete vor, die seit Menschengedenken keiner betreten hat, erzählt Kröpelin.

Auch in Niger, Burkina Faso und Mali gedeiht es. Vielfach hat die Menschenhand mühevoll nachgeholfen: In Niger beispielsweise haben Bauern Millionen neuer Bäume gepflanzt. Zugleich begünstigt das Wetter die neue Fruchtbarkeit: Wo einst noch knisternde Trockenheit herrschte, gibt es inzwischen häufigere und heftigere Niederschläge. „Es regnet wie nie zuvor“, bestätigt Kröpelin. In einigen Regionen konnten sich die Menschen in den vergangenen Monaten kaum vor den Wassermassen retten.

Es grünt so grün

Üppigere Zeiten hat die Sahara in der Vergangenheit bereits mehrfach erlebt: Seit Hunderttausenden von Jahren wechseln sich hier feuchte Perioden und krasse Dürrezeiten immer wieder ab. Die letzte Feuchtphase begann vor etwa 11.000 Jahren, und für mehr als fünf Jahrtausende war die heutige Wüste eine fruchtbare Savannenlandschaft. Dann vertrockneten die Bäume, die Grasdecke zog sich zurück. Es entstand die Wüstenlandschaft, wie wir sie heute kennen.

Bis heute diskutieren die Klimaforscher darüber, wie dieser Wandel vonstatten ging. Eine Antwort hat Kröpelin mit seinem Team in den Tiefen des vier Quadratkilometer großen Yoa-Sees von Ounianga Kebir im Tschad gefunden: Dessen Sedimente lieferten ihm ein genaues Klimaarchiv der Sahara, das für den Kölner nur einen Schluss zulässt: „Die Verwüstung der Sahara war ein schleichender Prozess.“ Für die These spricht, dass auch die prähistorischen Siedler nur ganz allmählich gen Süden abwanderten. Victor Brovkin, Klimamodellierer am Hamburger Max-Planck-Institut für Metereologie hat verschiedene Szenarien am Computer durchgespielt, mit einem etwas anderen Resultat: „Der Umschwung könnte, zumindest in der West-Sahara, relativ abrupt gekommen sein.“

Die Frage ist nicht nur von akademischem Interesse, denn Forscher stützen auf die Historie ihre Prognosen für die Zukunft. Und wie die in Sahel und Sahara aussehen wird, bleibt bis heute umstritten. Dabei wird nicht nur über die Geschwindigkeit eines möglichen Klimawechsels debattiert. Auch in welche Richtung die Klimareise gehen soll, ist alles andere als klar, erklärt Brovkin: Während manche Studien der Region ein trockeneres und heißeres Klima vorhersagen, prophezeien andere eine regenreiche Zukunft. Die Gegend gilt als besonders unwägbar, denn sie reagiert auf kleinste Temperaturschwankungen und veränderte Niederschläge. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Monsunwinde. „Die Monsune tragen die Feuchtigkeit vom Atlantik weit in die Sahara hinein“, erläutert Kröpelin.



Ulrike Fell / freitag / Seite 22 / 47 2009

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