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Theatertreffen 2017

Die Auswahl
Sieben TheaterkritikerInnen (Margarete Affenzeller, Eva Behrendt, Till Briegleb, Dorothea Marcus, Christian Rakow, Stephan Reuter, Shirin Sojitrawalla) haben in der vergangenen Saison rund 400 Inszenierungen gesichtet und diskutiert. Hier die Auswahl der zehn bemerkenswertesten Aufführungen, die im Mai beim Theatertreffen in Berlin, gezeigt werden. Die Rezensionen sind, soweit vorhanden, frei lesbar für alle.

IIMP Milo Rau
«Five Easy Pieces»
«In «Five Easy Pieces», einer Koproduktion des Kunstenfestivals mit dem Jugendtheater Campo Gent (und auch deutschen Partnern wie den Berliner Sophiensaelen und den Münchner Kammerspielen), inszeniert Milo Rau ausgerechnet mit 8- bis 13-jährigen Kindern den skandalumwobenen Kindermörderfall Dutroux...Mit der Einsicht, dass Kinder (oder auch Flüchtlinge, Behinderte, «Betroffene» aller Art) in dem Moment instrumentalisiert, also potenziell missbraucht werden, in dem sie mit den womöglich besten Absichten inszeniert werden, jongliert Milo Rau an diesem Abend virtuos.» TH 07/2016

Konzert Theater Bern
«Die Vernichtung»
«Vom systematischen Zerfall einer Gesellschaft zu erzählen und die eigene städtische  Community zumindest mitzumeinen, gehört zum Standardrepertoire deutschsprachiger Schauspielplaner. Aber selten genug dehnt ein mittelgroßes, von bürgerlicher Kulturbehaglichkeit durchaus zehrendes Stadttheater dabei die Grenzen des Publikumswirksamen so kühn und so gekonnt aus wie in Bern, wo Regisseur Ersan Mondtag mit der Autorin Olga Bach «Die Vernichtung» eines urbanen Pseudoidylls prophezeit.« TH 12/2016

Theater Dortmund
«Die Borderline Prozession»
«Jetzt ist die Gegenwart. Alles geschieht jetzt. Aber es ist zu viel, um alles zu verstehen. Das Theater ist die Kunst des Jetzt, die Kunst der Gegenwärtigkeit von Schauspielern und Publikum und die Kunst der Orientierung in der Zeit, damit wir verstehen, wo die Gegenwart in der Geschichte denn steht. Wie kann das Theater uns unsere Gegenwart verständlich machen, ohne ihre grundsätzliche und neuartige Unverständlichkeit zu unterschlagen? Das Dortmunder Schauspiel hat eine Antwort: «Es gibt nichts zu verstehen. Aber viel zu erleben. Wie im Leben.» Der flotte Spruch übertreibt. In Kay Voges’ Groß-Projekt «Die Borderline-Prozession» gibt es vieles zu verstehen, so viel, dass man gar nicht aufhören kann, verstehen zu wollen.» TH 06/2016

Staatstheater Mainz
«Traurige Zauberer»
«Noch mehr aber ist der anderthalbstündiger Theaterabend von Thom Luz, Mathias Weibel und Lisa Maline Busses (Bühne, Kostüme) eine lupenreine Theaterfantasie. Es ist die Beschwörung eines Ortes, der Bühne, auf der die (vielleicht 150) Zuschauer sitzen und die Spieler spielen, summen und blödeln. Stehen, schauen, singen. Es ist ein Theaterpoem, die Magie der Bühne; aus dem Zuschauerraum hört man Aufatmen, Grummeln und Murmeln, auch wenn der Vorhang geschlossen ist.» TH 07/2016

Thalia Theater Hamburg
«Der Schimmelreiter»
«Nach drei Stunden endlich sprengt der Schmerz den Panzer. Hauke Haien, der nordfriesische Deichgraf, hat Recht behalten, aber es nützt ihm herzlich wenig. Sein neuer Deich würde halten, hätten ihn nicht seine Gegner durchbrochen. Die Sturmflut reißt Haukes Frau Elke und das gemeinsame Kind vor seinen Augen in den Tod. Johan Simons, der Theodor Storms berühmteste Erzählung «Der Schimmelreiter» in einer eigenwilligen Fassung auf die Bühne des Thalia Theaters bringt, inszeniert diesen letzten Moment als Befreiung: Während sich Hauke bei Storm mit seinem Pferd selbst in die Fluten stürzt, tritt Jens Harzer vor an die Rampe, legt ein Kleidungsstück nach dem anderen ab, bis er zu Jimi Hendrix’ aufjaulendem Gitarrenrock nackt vor Gott oder dem Publikum steht. Hinter ihm hat sich die schräge Deichwand unüberwindlich in die Senkrechte geschoben. Knieschlottern, Zähneklappern, Erschütterung bis ins Mark.
Mit dieser düsteren Ektase endet Simons’ rigide und beklemmende Lesart der norddeutschen Heimatnovelle. Zuvor schraubt Susanne Meisters Bühnenfassung die Handlung noch langsamer und gründlicher voran als das Origi­nal, und setzt dabei immer wieder mit derselben rituellen Szene neu an: Die Kirchenglocke hoch oben über dem Deichfirst läutet, die alte, von Hauke aufgenommene Trien Jans tut ihre letzten Seufzer – «hölp me, hölp me» singsangt Barbara Nüsse –, Haukes und Elkes Kind fragt, ob sie nun stirbt und wie es ihr bei Gott ergehen werde, und purzelt, noch während Hauke zu erklären versucht, hinten den Deich hinunter. In nuce umreißt Simons hier schon den ganzen Abend: Die Frage nach Gott, die Vergeblichkeit aller Antworten, des Menschen Hilflosigkeit vor der Natur.» TH 01/2017

Forced Entertainment
«Real Magic»


Schauspiel Leipzig
«89/90»
«Der Abend beginnt mit zwei mittelalten, mittelsympathischen Zeit­genossen (Roman Kanonik und Tilo Krügel), die sich – umwuselt von einer Live-Kamera – in einer Art Wohnküchen-Box an «damals» erinnern; mit einem guten Schuss jener latenten Selbstherrlichkeit, mit denen ja selbst die zurückhaltendsten Zeitzeugen sich retrospektiv ganz gern mal überhöhen. Innerhalb dieser Rahmung kann die Vor- bis Nachwende-Personnage dann zur (subjektiven) historischen Kenntlichkeit verzerrt aufmarschieren – zum Beispiel als Maskencombo mit kollektivem Buratino-Schädel. Von seiner Langnasigkeit ab­gesehen, besticht besagter Buratino – das russische (und übrigens von Tolstoi erfundene) Pendant zum italienischen Pinocchio – vor allem durch seine glühende Rotwangigkeit im von keines Gedankens Blässe angekränkelten Smiley-Gesicht.
Bei Claudia Bauer nun schlenkern sich diese Hampelmänner mit ungelenken (und ebenfalls absolut Buratino-Puppen-originalgetreuen) Fat­suits am Körper sozusagen als choreografischer Einheits-Bürgerchor durch den Abend: Erst geben sie die unangepasste Nacktbadejugend, später die mit Billigkassettenrekorder ausgestatteten Schaufenster-Stauner beim ersten Westberlin-Besuch kurz nach dem Mauerfall.» TH 11/2016

Theater Basel
«Drei Schwestern»
«Mit der Rückkehr ins modernistische Familien-Ferienhaus steigt Simon Stone in seine «Drei Schwestern»-Überschreibung ein – und wie bei Tschechow sind auch bei Stone der sich jährende Tod des Vaters sowie Irinas Geburtstag der Anlass für die Zusammenkunft nicht nur der Geschwister, sondern auch ihrer Lebensbegleiter samt Trinkeronkel und schwulem Freund. Schon in der Ankunftsszene, wenn Schwestern und Schwager mit Einkaufstüten bepackt das Haus bevölkern, skizziert Stone mit wenigen Strichen die Figuren und ihre Beziehungen sowie den sozialen Humus, der sie umgibt: Der sündhaft teure «Prosciuttoschneider» etwa, den Onkel Roman («Ich bin der verfickte Doktor, und ich verschreibe mir einen Whiskey») seiner Nichte samt komplettem Parmaschinken schen­ken will, zielt nur deshalb knapp daneben, weil Irina kürzlich Vegetarierin geworden ist. Kein Zweifel, in dieser Erbengemeinschaft ist der Bedarf an Wohlstandsgütern vorerst so weit gedeckt, dass man sich einiges einfallen lassen muss, um noch eine Besitzlücke zu entdecken...Schon in seinen Ibsen-Überschreibungen hat Simon Stone sich zunehmend von den kanonischen Vorlagen losgelöst und sie nicht nur in eine zeitgenössische Kommunikations- und Objektwelt übertragen, sondern auch in die Handlung eingegriffen. So wurde zuletzt am Hamburger Schauspielhaus aus «Peer Gynt» ein Stück über drei Frauengenerationen, die sich mit derselben Rücksichtslosigkeit wie Ibsens weltreisender Protagonist durchs Leben bewegen, nicht zuletzt auf Kosten ihrer Töchter, die zwanghaft in ihre Fußstapfen treten. Auch in Stones «Drei Schwestern» steht so gut wie kein Satz von Tschechow mehr, dafür sind seine Repliken aufmerksam der Wirklichkeit abgelauscht. Und obwohl die Handlung im Großen und Ganzen der Vorlage folgt, verschiebt sie sie treffend im Detail.» TH 2/2017
 

Residenztheater München
«Die Räuber»
«Der Star des Abends ist die Maschine, ein Ungetüm zwischen Abraumbagger und den Raupen eines Riesenpanzers. Nüchtern betrachtet sind es zwei circa zehn Meter lange und zusammen wohl doppelt so breite zweibahnige Laufbänder, die sich unabhängig voneinander kippen, drehen, heben und senken lassen und in leise surrender Unerbittlichkeit das Tempo von bis zu zwei Dutzend dauermarschierenden und skandierenden Mit-Läufern vorgeben, in deren wechselnde Mannschaftsaufstellungen sich auch die Protagonisten immer wieder einreihen. Das allein erzeugt, erzwingt schon mal Bewegung in aller Dringlichkeit, denn Stillstand würde Absturz bedeuten oder zumindest das Abtauchen in die Unsichtbarkeit
...
Das eigentliche Drehmoment des Abends liegt jedoch in den Flieh- und Anziehungskräften zwischen Einzelnem und Kollektiv, die von der Mechanik der Maschine immer wieder wirkungsvoll ins Bild gesetzt werden. Wie ferngesteuerte Geisterkrieger marschieren die Räuber, martialisch schwarzgewandet, mit Beckengurten und Seilen am Laufband oder im Schnürboden vertäut, unermüdlich nach vorn. Dabei deklamieren sie neben Schiller auch Auszüge aus dem Aufruf zu einem «kommenden Aufstand», mit dem ein «unsichtbares Komitee» im Jahr 2007 im Kontext der Pariser Vorstadtkrawalle eine Zeitlang für Aufruhr zumindest in den Feuilletons sorgte. Die lauernde Gewalt liegt förmlich in der Luft und setzt auch im Betrachter einen Widerstreit von Faszination und rationaler Gegenwehr in Gang.» TH 11/2016

Volksbühne Berlin
«Pfusch»
««Pfusch» hat Herbert Fritsch seinen finalen Volksbühnen-Streich genannt. Eine Uraufführung, weitestgehend wortlos, wie viele der para­digmatischen Arbeiten, die Fritsch an diesem Ort kreiert hat. Von «Murmel Murmel» über «Ohne Titel Nr. 1» bis «der die mann». «Hey Leute, lasst uns in die Röhre schauen», ist einer der wenigen Sätze, die an diesem Abend fallen. Und das ist erst einmal wortwörtlich gemeint. Ein riesiges Rohr, an sich aus Holz, doch in der Anmutung stählern wirkend, hat die Volksbühnen-Werkstatt für Fritsch (wieder Bühnenbildner in eigener Sache) gefertigt. Ein Kanalrohr. Zu metallenem Wummern spuckt es die Akteure aus: einen 13er-Trupp Zombiegestalten, wie Gruseltanten in Totenkaffeekränzchen-Kleidern oder wie einsame Herzen im ewigen Ballhaus, wenn ausgeschunkelt ist und der Kehraus ansteht. Sie werden das Rohr wieder und wieder umspielen, darauf herumklettern, tänzelnd davor weglaufen, wenn es mächtig hinter ihnen her walzt. Und sie werden, eben, am Ende doch nur in die Röhre gucken.» TH 01/2017
 


07.02.2017

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