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Theatertreffen 2016

Die Auswahl
Sieben Theaterkritiker- und Kritikerinnen (Till Briegleb, Barbara Burckhardt, Wolfgang Huber-Lang, Peter Laudenbach, Bernd Noack, Stephan Reuter und Andreas Wilink ) haben in der vergangenen Saison rund 400 Inszenierungen gesichtet und diskutiert. Hier die Auswahl der zehn bemerkenswertesten Aufführungen, die im Mai beim Theatertreffen in Berlin, gezeigt werden:

Badisches Staatstheater Karlsruhe
«Stolpersteine Staatstheater»
Regie: Hans-Werner Kroesinger

««Stolpersteine Staatstheater» von Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura erinnert an die Opfer der Nazi-Zeit, und zwar anhand der Einzelschicksale von vier Karlsruher Theaterleuten, die nach der Machtergreifung 1933 aus dem Engagement her­aus ins Exil oder den Tod getrieben wurden. Hier versammelt sich das Publikum mit dem vierköpfigen Ensemble um einen gezackten Tisch (Bühne: Rob Moonen), dessen Form wie ein halbes Hakenkreuz wirkt. In einer Atmosphäre zwischen Konferenz, Symposium, Recherche-Besprechung und Reenactment wird aus Briefen, Tagebuch-Einträgen und Zeitungsartikeln zitiert. Ergänzt durch Videoeinspielungen von Aufmärschen und Volksjubel vermittelt sich, wie damals die Manipulation des Blicks auf andere Menschen perfektioniert wurde – und wie wenig frei die «moralische Anstalt» Theater davon war.» Theater heute 8/9-2015


Burgtheater Wien/Ruhrfestspiele Recklinghausen
«John Gabriel Borkmann»
Regie: Simon Stone

«Simon Stone erledigt die Textaktualisierung gleich selbst. Der australische Regisseur, geboren in Basel, schreibt Ibsens gefühlsbankrotter Familienballung «John Gabriel Borkman» Dialoge auf den Mund wie aus bester ameri­kanischer Serienproduktion. Der immer etwas steifleinern bürgertragische Schwesternkonflikt zwischen Gunhild Borkman und Ella Rentheim um die Gunst von (Pflege-)Sohn Erhart gewinnt ganz neue Dimensionen, wenn sie sich zur Begrüßung nach 16 Jahren an die Hits der späten 90er erinnern oder mit Vorwürfen zuschütten, wer wen warum auf seine Facebook-Seite gucken lässt...

Stone schreibt knapp, pointiert und mit stupend trashiger Plausibilität. Sein Facelift-Ibsen folgt dem alten Norweger treu von Szene zu Szene, der sich nach zeitkosmetischer Runderneuerung wieder so oberflächenfrisch fühlen darf wie vor 120 Jahren. Die großflächigen Realitäts-Einspritzungen unter die Figurenhaut funktioneren dabei wie allerbestes Silikon: Sieht überzeugend aus und fühlt sich trotzdem etwas seltsam an. Was zumindest bei Ibsen, der neben Tschechow die besten Familienserien seiner Zeit geschrieben hat, zu überraschenden Einsichten führt: Wirkt alles sehr real und ist doch ein Leben aus zweiter bis dritter Hand. Aber was wäre eigentlich für Serienfreaks und Internetdaueruser wie unsereiner ein Leben aus erster Hand?» Theater heute 07/2015

 

Deutsches Theater Berlin
«Väter und Söhne»
Regie: Daniela Löffner

«...die junge Regisseurin Daniela Löffner betont den Aspekt der Fami­lienaufstellung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters durch eine intime Raumanordnung: Bühnenbildnerin Regina Lorenz-Schweer hat einen langen Tisch auf die Bühne gestellt, um den sich Familien und Gäste versammeln, das Publikum sitzt ringsherum an allen vier Seiten, sehr nah dran und Seit an Seit mit den Schauspielern, die gerade keinen Auftritt haben. Katja Frohschneider hat sie in einen fantasievollen Mix aus Gestern und Heute gesteckt; die beiden Jung-Nihilisten in nerdigem Schwarz, Alexander Khuon als Bazarow eisenhart verpanzert in sein intellektuelles Überlegenheitsgefühl, so übellaunig, dass die behauptete Anziehungskraft des jungen Mannes auf Väter und Töchter nicht so ganz zu überzeugen vermag. Umso charmanter das baumlange Sensibelchen Arkadij (Marcel Kohler), dem die coole Pose immer wieder in kindliche Heftigkeit entgleitet, womit er nicht nur Kathleen Morgeneyers bezaubernd flirrende Katerina Sergejewna für sich einnimmt, die Schwester der herb klugen Gutsbesitzerin Anna (Franziska Machens), die sich die Liebe zu Bazarow glaubt verbieten zu müssen.» Theater heute 02/2016

 

Deutsches Schauspielhaus Hamburg
«Das Schiff der Träume»
Regie: Karin Beier

«Die Schauwerte, mit denen Fellinis schwelgerischer Panoramafilm prunkt, versuchen Karin Beier und ihre Dramaturgen (Stefanie Carp, Chris­tian Tschirner) erst gar nicht einzuholen. Ihr Fokus liegt auf dem politischen und kulturellen Diskurs – neurotische Verfeinerung auf der einen, authentische Kraft auf der anderen Seite –, den sie geschickt an die Gegenwart anpasst.» Theater heute 02/16


Deutsches Schauspielhaus Hamburg
«Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie»
Regie: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk

«Anke Grot hat das wilhelminische Personal mit sperrigen Locken, Fönwellen und Ponyfrisur, Hawaiihemd, Lederweste und psychedelischen Pullundermustern liebevoll in Kontrast gesetzt zu Gehrock und Korsettkleid der Fontane-Zeit. Vom Plattenspieler erklingt immer wieder häppchenweise Gert Westphals sonore Verlesung des behä­bigen Romans, dem alle andächtig lauschen, um ihn im Anschluss mit inbrünstig vorgetragenen Long-time-ago-Ohrwürmern von James Brown bis Prince zu konterkarieren, die die zwischen Radiosprecher und Romanfiguren volatil changierenden Superspieler herzergreifend neben der Spur röhren: Marcus John als aussichtslos steifer Instetten, Yorck Dippe als hinreißend von sich selbst betörter lockenwuseliger Liebhaber Crampas, Clemens Sienknecht als strenge Mutter und Ute Hannig als verzweifelt und vergeblich aus der Verkrampfung strebende Effi, die einzige Frau in der seniorigen Boygroup, die sich mit gnadenloser Selbstironie und äußerste Hingabe in die schrägen Gruppenanordnungen von Sienknecht und Regisseurin Barbara Bürk stürzen. Dazwischen der Wetterbericht, Verkehrsmeldungen, Werbejingles.
Das ist von betörender Skurrilität und be­strickender Musikalität und bekommt am Ende sogar noch die Kurve in Effis Tragödie...» Theater heute 01/2016



Maxim Gorki Theater
«The Situation»
Regie: Yael Ronen


«Das Setting, auf das Ronen ihre Protago­nist­(inn)en für diesen lange Zeit vor allem pointensicheren und brutal komischen Schlagabtausch gesetzt hat, sind dudengelbe, treppenförmig aufeinander gestapelte Kartons, eine Einordnungspyramide, über die Karim wie ein Flummi hinwegfliegt. Links steht der aufblasbare nahöstliche Kaktus, rechts die Berliner Straßenlaterne und, im dudengelben T-Shirt, Stefan, der beflissene Deutschlehrer (Dimitrij Schaad), wild und bestherzig entschlossen, sie alle «zu integrieren», indem er auf pädagogisch wertvolle Fragen (Wer bist Du? Wo kommst du her? Was machst Du hier?) grammatikalisch korrekte deutsche Antworten einfordert. Und natürlich nicht bekommt – ein weites Feld der Missverständnisse und Klischee-Entfaltungen und die dramaturgisch so schlichte wie ergiebige Spielwiese für die semi-biografischen Erzählungen, die hier aufeinanderprallen und Deutschlehrer Stefan in wachsende Verwirrung stürzen.
Denn – und das ist die große Qualität dieses Abends –: Ronens Migrations-Darsteller sind alles andere als Mitleid heischende Projektionsflächen für ein deutsches Helfer-Syndrom.» Theater heute 10/2015


Münchner Kammerspiele
«Mittelreich»
Regie: Anna-Sophie Mahler

«Ein als «Musiktheater» angekündigtes «Mittelreich» ließ also Ausflüge ins verfremdete Jodelfach denken – eine Erwartung, die die Marthaler- und Schlingensief-Assistentin Anna-Sophie Mahler schon mit dem ersten Bild im Großen Haus kategorisch unterläuft. Im sterilen, weiß getäfelten Raum erinnert nichts an boarische Gemütlichkeit. Unter vier kalten Deckenlampen stehen sechs Stühle, darauf in zeitlosem Schwarz-Weiß-Grau fünf Männer und eine Frau. Aus dem Graben vor der Bühne dringt ruhiger Klavierklang. Dort sitzt Bendix Dethleffsen mit seinen Musikern, und zaghaft beginnen die Spieler über ihnen zu singen: «Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.» Brahms, «Ein deutsches Requiem», ein Menschheitsoratorium, ein trostlos klingender Trostversuch, bis der Ton anschwillt und die anderen großen Mitspieler dieses Abends auf den Balkon treten: das Junge Vokalensemble München, dirigiert von Julia Selina Blank, das immer wieder der sprachmächtigen Sprachlosig­keit der in sich verbunkerten Seewirtfamilie eine zweite Spur unterlegen wird, den religiösen Diesseits-Klang von Brahms, der das Unsagbare hörbar macht, die emotionale Wucht von Wagner, dessen «Fliegender Holländer» den Sturm, der das Wirtshaus 1952 zerstört, her­bei­donnert.» Theater heute 01/2016


Schauspielhaus Zürich
«Ein Volksfeind»
Regie: Stefan Pucher

«Regisseur Stefan Pucher umgeht in Zürich das Risiko einer halbherzigen Aktualisierung des Stücks, indem er eine radikale Aktualisierung vorzieht. Dietmar Daths Bearbeitung ist dabei mehr als hilfreich, der frühere «Spex»- und «FAZ»-Journalist trifft den Newspeak der urbanistischen Mediendemokratie zielgenau, ohne Ibsen oder die Story zu verraten.
Stockmann vs. Stockmann, inszeniert als intrigantes Talkshowspektakel, bei dem das Publikum die Wahl hat: Es kann im Foyer auf Billings Suggestivfragen einsteigen oder im Saal Tomas Stockmann die Treue halten. Wobei Markus Scheumann die Contenance seines Helden unmissverständlich flattern lässt. Hier bleibt jemand unbeugsam, wenn auch keineswegs unbeschädigt. Der Shitstorm kommt erst noch. Aber dann fährt die Bühnentechnik das Idealstadtmodell hoch. Darunter erscheint drohend ein mächtiger Urfels. Und die Scholle der Zivilisation wirkt plötzlich zerbrechlicher als Schokoglasur.» Theater heute 11/2015

Übersicht aller Inszenierungen die zur Diskussion standen.

Staatstheater Kassel
«Tyrannis»
Regie: Ersan Mondtag

 

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
«der die mann»
Regie: Herbert Fritsch

«Wenn der Vorhang beschwingt in die Höhe rauscht, lagert auf Fritschs Bühne, rot, wie es röter nicht geht, das Ensemble auf einer genauso roten Showtreppe, begleitet von einem riesi­gen Sprachrohr, gelb, wie es gelber nicht geht: als Pop-Art-Plastik mit schwarzen Perücken und schrillfarbig glänzenden Gummianzügen und -cocktailkleidchen in überdrehtem «Mad Men»-Schick, Glamour und Konvention der Sechziger, Duane-Hanson-Skulpturen ohne Prekariatshintergrund. Immer wieder verschwinden sie wie von Zauberhand und tauchen in neuer Freezing-Formation wieder auf.
Wenn die Sprache ins Spiel kommt, kommt auch der Kostümwechsel. Das Kollektiv, fünf Männer, zwei Frauen, gendermainstreamt sich im Grau der Early-Sixty-Beatles, die den bürgerlichen Anzug moderat aufsässig mit die Kra­watte verbergendem Rundhalsauschnitt umfirmierten und Pilzkopf statt Scheitel trugen. Jetzt sind sie alle gleich: «der die mann». Vielleicht auch: Konrad Bayer x 7, der als «Dandy» galt und jetzt mit zartem Wiener Sound an die Rampe tritt und in die sich endlos verzweigenden Sätze einsteigt, die vom Biss in die Birne quer durch die Hirne und Steine zum Krieg und zurück führen in sich verlierenden Sinn, sich verlierende Vokale und Konsonanten. Bis ein zweiter Konrad ihn diskret stoppt mit einer «argumentation vor der bewusstseinsschwelle», die ganz ohne Substantive und Verben auskommt: «an der der für den und an der dass trotz des von keinem eine».» Theater heute 04/2014

 

 


 


 


03.02.2016

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