kultiversum Startseite
Noch nicht angemeldet?   Registrieren

  |   Passwort vergessen
Warenkorb
Theater Oberhausen: Brecht

Puppenspiel: Suse Wächter
Foto: Residenztheater München, Matthias Horn
Am 11.10. feiert die Puppenspielerin Suse Wächter mit Ihrem Stück «Brecht» Premiere. In «Theater heute» 10/13 haben wir sie in ihrer Werkstatt besucht.

«Theater heute» 10/13 können Sie in unserem Shop erwerben oder als App auf Ihrem Tablet-PC lesen.

Ansehen können Sie «Brecht» am ab 11.10 am Theater Oberhausen.

Nach zwei Stunden Reden gehen wir endlich rüber, einmal quer durch die malerisch unrenovierte Wohnung im nicht ganz so malerischen Teil vom Prenzlauer Berg, da, wo die Altbauten noch nicht in steriler Schönheit zu Tode renoviert wurden. Hier wohnt Suse Wächter seit zwei Jahren, «übergangsweise». Gehen von der Küche durchs Schlafzimmer in das kleine Zimmer, das ihr als Fundus dient für ihre Puppen, die auch in Hannover lagern, in Köln und im Münchner Residenztheater.

Aus einem Karton grinst verschmitzt ein älterer Herr unter der Schiebermütze hervor: unverkennbar Brecht. Die kleinen Augen unter der Brille (Fielmann, Kinderabteilung) gucken dermaßen lebendig, dass der fehlende Restkörper erst richtig unheimlich wird. Ab 11. Oktober wird Brecht einen ganzen Körper haben und in Oberhausen auf der Bühne stehen. Aus dem Koffer neben Brechts Kiste ragen zwei Beine in grauer Flanellhose. Als Suse Wächter den Deckel zurückklappt, blickt uns Freud an, mit unverwechselbarer Therapeutenmiene, das Gesicht so neutral wie charakteristisch, und die Augen treffen prüfend mitten in die Seele. Das Kind Elfrie­de Jelinek hängt an einer Leiter, die an der Wand lehnt: Riesige traurige Augen starren aus einem jungen Gesicht, in dem die Nobelpreisträgerin schon ganz präsent ist, das eckige Kinn, überhaupt dieses Eckige, das klemmt und sich dauernd lösen will. Suse Wächter fährt mit der Hand in den Kopf und lässt Elfriede sprechen, mit der wienerischen Mädchenstimme, mit der Suse Wächter mit ihr, einer Zweitjelinek aus der Jetztzeit und einer klitzekleinen Marilyn, die jetzt auch aus den Tiefen einer Kiste hervorgeholt wird, dem Berliner Theatertreffen zum 50. Geburtstag gratuliert hatte. «Happy birthday, Mr. President» hatte das Püppchen zart schwankend mit täuschend echter Monroe-Stimme von der Rücklehne des roten Sofas gegurrt, auf dem Suse Wächter mit den Jelinek-Damen hockte.

Die kleine Performance hatte den Abend, der nach einem Schwächeanfall der Moderatorin Sandra Hüller zu kippen drohte, wieder in die Höhe gerissen: die nie anwesende Jelinek, die nicht mal zur Nobelpreisverleihung erschienen war und natürlich auch nicht zu dieser Gala, kann zweifellos in keiner Videoeinspielung auch nur annähernd so animiert wirken wie in dieser Verkörperung aus Gummimilch, Silikon, Schaumstoff, Glasmurmel­augen, den flinken Fingern und der krächzenden Stimme Suse Wächters.

Der Papageientyp

Das war schon aus der Distanz der siebten Parkettreihe ein bemerkenswerter Vorgang. Steht man den Wächter-Figuren auf Augenhöhe gegenüber, verschlägt die perfekte Mimikry den Atem. Es ist alles da, was einen Menschen ausmacht: die winzigen Fältchen an den Augen, die kleinen Rillen im Ohr, die weiche Plastizität der Haut, und dieser Blick, dem nichts zu entgehen scheint. Alles um eine Winzigkeit überhöht, so winzig, dass eine Art Hyperrealismus entsteht, furchterregend lebendig, noch bevor die Animation durch den Spieler einsetzt.

Ja, genau das will sie, hatte Suse Wächter vorher in ihrer kleinen Wohnküche erklärt, den Blick zum Fenster gerichtet, die x-te Selbstgedrehte in der Hand, und Melissentee nachgeschenkt: kleine Menschen bauen, ganz in sie eindringen – beim Bauen der Puppen tief in die menschliche Anatomie, beim Spielen tief in die Seelen, die aus ihren Stimmen sprechen.

Unter den so erschreckend lebendigen Gesichtern sitzen deshalb minutiös nachgebaute Totenköpfe, von denen sich die Gummi-Haut abziehen lässt. Gelenke, Knochen, Muskelstränge sind aus Holz, Schaumgummi, Stoff, beweglich wie ein wirklicher Körper und belebt durch diese unglaubliche Stimmenmimikry, die Suse Wächter beherrscht, das Krächzen des Alters, das Piepsen des Babys, die Stimmhöhen und Dialekte, die Suse Wächter «Sprechmasken» nennt und von denen sie sich «besitzen» lässt: «Mit einer anderen Stimme kommt man sofort in andere Fantasieräume; man kann andere Sachen sagen, auf die man mit der eigenen Stimme gar nicht kommen würde.» Sie sei einfach der «Papageientyp», sagt sie mit ihrer tiefen Originalstimme aus ihrem zierlichen Original­körper, «immer schon. Ich verwandle mich unglaublich gerne in fremde Wesen; das erlöst und bereichert mich.»

Das vollständige Portrait «Eine in allen» können registrierte Abonnenten hier lesen.

 

 


10.10.2013 Barbara Burckhardt

Nachricht schreiben!


Betreff:
Theaterheute
Die größte Ehre...
43 Kritiker nennen Höhepunkte der Saison 2015/16 Weiter
«Unsere Gewalt und eure Gewalt»
wieder am 20. & 21.08. beim Kunstfest Weimar zu sehen Weiter
«While I was waiting»
wieder ab 18.08. beim Theaterspektakel Zürich zu sehen Weiter

Probeabo
Testen Sie Theater heute
... in der Print- oder Digital-Version
Theater heuteTheater heute
Theater heuteTheater heute Jeden Monat das Wichtigste zur neuen Ausgabe von Theater heute vorab – und zu den Themen, die Theater heute bewegen.
Bestellen
Service
«Theater heute»-Archiv
Hier finden Sie alle Inhaltsverzeichnisse, Titelbilder und Volltextartikel seit 2005 sowie alle Jahrgangsregister seit 1960.



Kontaktanfrage





Beitrag melden!


Geben Sie hier eine Begründung an, warum Sie hier einen Inhalt bedenklich finden (z.B. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Anstiftung zu einer Straftat). Vielen Dank! Ihr kultiversum-Team





Setzen Sie Ihren Bookmark!