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Schauspielhaus Bochum

Rocker-Räuber
Foto: Thomas Aurin
Jugend will Protest und Anarchie – in allen «Räuber»-Inszenierungen seit 1782.

Den Ton der Jugend muss man treffen, den ewigen und den tagesaktuellen. Der polnische Regisseur Jan Klata zielt in seiner Bochumer Inszenierung danach. Und trifft Ton und Bild der Rockmusik. Die schwarz­weißen Videoclips von The Battles (Tonto), Woodkid (Iron) und Lana Del Rey (Born to die) sind die akustischen und optischen Grundlagen der Inszenierung. (Das Programmheft empfiehlt sie.)

Vor einer orgelartigen Wand von riesigen Metallröhren, in einem Wald von weißen Licht­stelen stehen sprungbereit fünf Männer mit nack­ten, vollständig tätowierten Oberkörpern, behängt mit allerlei martialischen Accessoires (Bühne und Kostüme: Justyna Łagowska). Im Wechsel von chorischen Hassgesängen und rhetorischen Soloarien küren sie Karl Moor (Felix Rech) zu ihrem Hauptmann. Franz Moor (Florian Lange) dagegen, ein schwitzender Weichling, steckt korsettiert im grauen Anzug und umschleimt den alten Moor (Andreas Grothgar), einen in seiner eigenen Welt verkapselten Tai-Chi-Kämpfer, dem die Pfeile des Geschickes schon fakirartig im Rücken stecken.

Gegen die metallenen Seitenwände rennen die Räuberrebellen mit lustvoller, zielloser Aggres­sion immer wieder an, und von ihnen herab beleuchten die Videoprojektionen die Szene: Die Erzählung der Klosterschändung wird durch eine Endlosschleife von lasziv in die Kamera lächelnden, auffordernd gestikulierenden Frauen ersetzt, zu der Spiegelberg mit stummer Lustpein aggressive männliche Sexualzuckungen markiert. Statt der Befreiungsschlacht der umzingelten Räuber in den böhmischen Wäldern sehen wir eine Videoserie von Erschießungen: Schauspieler und andere an der Inszenierung Beteiligte werden per Kopfschuss hingerichtet, der Blutschwall klatscht an die immer gleiche weiße Wand. Etwa das zehn­te Opfer steht dann lachend wieder auf.

Rocker-«Räuber» gab es schon viele. Klata greift aber nicht das soziologische Phänomen auf, sondern das ästhetische: Wolfsblicke, einstürzende Neubauten (vorwärts und rückwärts), Düsternis, Schwärze und Gewalt als Mittel der Selbstinszenierung. Diese Ästhetisierung der Gewalt ist keine Ironisierung, auch wenn statt Städten in den Videos nur Streichholzwälder brennen. Sie kokettiert mit der eigenen Langeweile, Orien­tierungslosigkeit und Hilflosigkeit angesichts der realen Gewalt.

Klata scheut sich nicht vor Pathos und Geschrei, aber auch Schillers verbale Ungeheuerlichkeiten müssen mit Sinn gefüllt werden und nicht nur als akustische Katarakte auf die Zuhörer stürzen. Und Klatas Gefühl für Timing irritiert: Auf die Verarbeitungsgeschwindigkeit verbaler Informationen wird keine Rücksicht genommen, aber optische Informationen werden uns eingepaukt, als litte das Publikum unter visueller Begriffsstutzigkeit. 


22.10.2012 Gerhard Preußer

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