Ein sonniger Samstagabend im Juni: Friedlich liegt es da, das Occupy-Camp zu Füßen der Frankfurter Banktürme. Um den Zeltplatz herum: ein «Zaun» aus Plakaten zwischen Wut und Enttäuschung. Dazwischen die Ankündigung eines Kulturwochenendes. An einem Zelt, deutlich kleiner geschrieben, eine Liste: «Wir brauchen: Zelte, Schlafsäcke, veganes Essen.» Zwischen den Zelten: ein paar unaufgeregt zusammensitzende Leute. Das wäre eine perfekte Szenerie für einen pointierten Dialog aus Martin Heckmanns neuem Stück «Wir sind viele und reiten ohne Pferd»: Da kreuzt der unzufriedene Künstler Knax auf der Flucht vor sich selbst bei einer antikapitalistischen Aktionsgruppe auf und kriegt auf die Frage «Seid ihr die 99 Prozent?» die Antwort «Wir sind noch nicht vollzählig.» Worauf er kontert: «Das sieht man.»
Dass die 99-Prozent-Bewegung je vollzählig sein wird, darf man trotz wohlgemeinter Empörungs-Aufrufe wie dem Büchlein «Wir sind viele» des SZ-Autors Heribert Prantl wohl bezweifeln. Ebenso, dass sie jemals mit 99-prozentiger Mehrheit entscheidet, wo genau sie hin will – was sie freilich nicht von anderen Aufstandsbewegungen unterscheidet, nicht mal von erfolgreichen wie dem Umsturz einst in der DDR oder jüngst in Ägypten. Heckmanns hat dieses Dilemma nun verdichtet in einem Text, der an sein zehn Jahre altes Durchbruchstück «Schieß doch, Kaufhaus!» anknüpft: Wieder tragen die Figuren die Comicnamen Ätz, Klar, Kling und Knax (nur Fetz ist offenbar auf der Strecke geblieben, vielleicht auch aus Ensemble-Dispositionsgründen am Staatsschauspiel Stuttgart, in dessen Auftrag das neue Stück entstand). Und wieder sind ihre Texte vor allem Sprechakte, in denen über die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber einem kritisierten System reflektiert wird. Bei «Kaufhaus» arbeiteten sich die Sprecher an der seinerzeit boomenden Globalisierung ab, in «Wir sind viele ...» nun an ihrer fatalen Folge, der Finanzkrise.
Die Besetzung der Wall Street im Theater
Insofern passt es, dass Heckmanns prägnante Stilmittel wie etwa assoziative Wortketten erneut aufgreift und eine Passage sogar wortwörtlich übernimmt: »Alles, was sich in mir natürlich empfindet, ist selbstverständlich vollständig Effekt einer Machtstruktur, die ich ablehne» beginnt hier wie dort eine Tirade über ein Leiden, das in den zehn Jahren nicht kleiner geworden ist. Und hier wie dort laborieren die Figuren an der Unmöglichkeit einer Gruppe, eines gemeinschaftlichen Ansatzes.
Das sind die bitter-vergnüglichen Aspekte von Heckmanns neuem Text: Ständig werden apokalyptische Analysen ausformuliert (mitunter auch mal, »um die Debatte ein wenig zu beschleunigen») und sofort wieder ausgebremst. Denn mal hat das Mikro eines Redners ständig Aussetzer (weshalb ein Zuhörer völlig zu Recht befinden kann, das sei »bei weitem nicht radikal genug»), mal wird der metaphorische Tod eines Esels in einem Lehrstück über Leerverkäufe allzu wörtlich genommen, mal wird ein angebotenes Kuchenstück Anlass zur prinzipiellen Diskussion über Produktionsverhältnisse. Auf die Spitze getrieben wird die Kluft zwischen Massenansprache und political correctness beim Versuch einer schlichten Einladung, deren Formulierung ständig nachkorrigiert wird: »Liebe Freunde / Und ich bitte, die christlichen Konnotationen dieser Begriffe bei Bedarf auszublenden.»
Der bemerkenswerteste Dreh bei der Stuttgarter Uraufführung gelingt dem Bühnenbild von Martin Dolnik: Es zeigt das Dach der New Yorker Börse (deren Großteil offenbar schon im Sumpf oder Treibsand verschwunden ist), und deren Giebel lässt sich per Reißverschluss öffnen, so dass im letzten Teil ein darin aufgebautes Zelt sichtbar wird – die Besetzung der Wall Street findet also tatsächlich statt, und zwar über den Weg des Theaters.
Die Naivität der Weltverbesserer
Damit traut das Bühnenbild dem Abend mehr zu als Martin Lunghuß’ Inszenierung: Heckmanns dialektischer Drahtseilakt über das Dilemma, wie leicht man sich beim Weltverbessern selbst im Wege stehen kann, wird hier zur Satire auf praxisscheue Protest-Kopffüßler, über die sich’s bequem schmunzeln lässt. Definiert wird das Personal durch Typenkostüme (vom Anzug-Yuppie bis zum Bademantel-Schluffi), deren Buntheit wenig erzählt und wohl vor allem die Gefahr der Textsprödigkeit bannen soll. Gleiches gilt für die heftig augenzwinkernden Choreografien. So stakst Knax (Bijan Zamani) zunächst mal ausgiebig hin und her wie Monty Pythons «Ministry of Silly Walks», bevor er seinen ratlosen Gegenübern (Marlène Meyer-Dunker, Lukas Rüppel und Jonas Fürstenau) erklärt: «Ich suche eine Bewegung, die mich mitnimmt» – woraufhin diese mit dem Ausruf «Das tun wir auch!» ebenfalls in unrythmische Sportgymnastik verfallen.
Auf Gaudi setzen auch Impro-Sketche zur Prinzipienreiter-Naivität der Weltverbesserer: Da scheitert das Backen einer Schwarzwälder Kirschtorte daran, dass Eier nicht vegan sind, im Mehl Gluten ist und Kirschen eine miese Ökobilanz haben. Die Lösung: «Nehmen wir Spargel, der hat Saison.» Solche Einlagen mögen dazu beigetragen haben, dass ein Einlegeblatt im Programmheft die Aufführung ausdrücklich als «Fassung des Schauspiel Stuttgart» ausweist, zumal der dritte Teil des Textes weitgehend gestrichen ist: Eine der letzten Aktionen der rund 70-minütigen Aufführung, bevor die Revoluzzer im Zelt als soziale Plastik erstarren, ist das Gemecker von Protest-Veteranen über die Missachtung der Jugend ihrer Wasserwerfer-Erfahrungen in Gorleben, Mutlangen undsoweiter.