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Schaubühne Berlin

Auf dem Kompost der Zivilisation
Foto: Schaubühne Berlin
Knapp vierzig Jahre nach Peter Steins legendärer «Sommergäste»-Inszenierung an der Berliner Schaubühne versucht Alvis Hermanis Gorkis Untote zu reanimieren. Mit Erfolg?

Putz blättert in ahornblattgroßen Placken von den Wänden, darunter frisst fröhlich der Schimmel. Den Fußboden verwandeln Staub, Dreck und die verstreuten Bestände einer umfangreichen Bücherwand in unwegsames Gelände. Die Glasscheiben der französischen Fenster und der Galerie im ersten Stock sind herausgebrochen, Kabel baumeln lianengleich von der Decke, von draußen wuchern Efeu, Flechten, Moos in die ehemals gute Stube hinein. Überhaupt scheint die Natur unaufhaltsam zurückzuerobern, was wohlhabende russische Bürger einst zum Schutz vor ihr errichtet haben: ein großzügiges Sommerhaus aus der vorletzten Jahrhundertwende, prachtvoll und lichtdurchflutet.

Erstaunlicherweise wird die düstere Ruine, die Kristine Jurjane mit Lust am naturalistischen Detail und zugleich pathetischer Wucht in die Berliner Schaubühne gebaut hat, mit der allergrößten Selbstverständlichkeit bewohnt. Auf der abgewetzten 50er-Jahre-Chaiselongue mitten im einstigen Salon räkelt sich eine Frau im Halbschlaf, träumt anscheinend Erfreuliches und stößt deshalb, die Hände zwischen den Beinen, Lustschreie der Verzückung aus. Parallel dazu macht sich ein Mann an den Überresten eines Stromkastens zu schaffen, nicht etwa, um ihn zu reparieren, sondern um aus den Kabeln dort einen Strick zu drehen. Auch er stöhnt, allerdings vor Verzweiflung. Als sein Kopf endlich in der Schlinge steckt und er den Hocker unter seinen Füßen fortkickt, blitzt und brizzelt es heftig. Der Mann lebt, und alle Lichter brennen.

Unerlöste Narzissten

Auch im Folgenden werden die Sommergäste aus Maxim Gorkis gleichnamigem Theaterstück von 1905 keine Anstalten machen, die bröckelnde Bude wieder bewohnbar zu machen. Sie leben hier immer noch, seit über hundert Jahren schon. Sozialismus und Kapitalismus sind über das Land hinweggefegt, doch diese unerlösten Narzissten finden keinen Frieden. Noch immer hadern sie mit ihren neurotischen Liebschaften, vermögen ihrem Leben keinen Sinn zu verleihen, kapitulieren gelähmt vor jeder gemeinsamen Anstrengung. Die Dienst­boten sind, bei Alvis Hermanis jedenfalls, längst gegangen.

An der Schaubühne, wo der lettische Regisseur nun zum zweiten Mal inszeniert, sind die «Sommergäste» natürlich Legende. Peter Steins Inszenierung von 1974, in der Filmversion nachzusehen auf DVD (arte), beeindruckt bis heute in dem ehrgeizigen Anspruch, auf äußerst kunstvolle Weise die Wirkung größtmöglicher Natürlichkeit zu erzeugen.

Kurioserweise hat genau das auch Hermanis in den letzten Jahren interessiert, allerdings aus einer ganz anderen künstlerischen Biografie heraus und vermutlich mit anderen ästhetischen Absichten. Ein Kapitel aus Dostojewskis «Der Idiot» am Schauspielhaus Zürich war 2007 der Startschuss zu einer Reihe von Inszenierungen zumeist russischer Stücke in extrem naturalistischen Bühnenbildern, wobei gerade das üppig zaristische Setting des «Idioten» in die kühle Betonsachlichkeit des Schiffbaus stürzte wie eine kostbare Antiquität. Überhaupt schien sich die Inszenierung, die mit dem Kapitelende einfach abbrach, eher als Installation denn als Drama zu verstehen, als Fenster in eine andere Zeit und Realität. Spätere Inszenierungen wie Tschechows «Platonov» am Wiener Burgtheater oder Gorkis «Wassa Schelesnowa» in den Münchner Kammerspielen gerieten stärker in Steinsches Fahrwasser, wo weniger die Konfrontation mit (historisch bedingter) Fremdheit als die Inszenierung von Ähnlichkeit (Menschen wie du und ich) zählt.

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19.02.2013 Eva Behrendt

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