Simon Stephens’ Europa-Thriller «Three Kingdoms», uraufgeführt von Sebastian Nübling, ist eine komplexe Koproduktion des Londoner Hammersmith Lyrics mit den Münchner Kammerspielen – und dem Theater NO99 in Tallinn.
In einem halbseidenen Tallinner Nachtclub kommt Estland also ganz zu sich: Alkohol schwängert die Luft und Koks penetriert die Hirne. Beats brummen. Ein Este kracht dem britischen Inspektor Ignatius Stone vor die Stirn: «Die Pest hat uns gefickt. Die Hungersnot hat uns gefickt. Die Schweden haben uns gefickt. Die Deutschen haben uns gefickt. Die Russen haben uns gefickt.» Kantige Sätze für ein kantiges Land.
Es ist der neue Simon Stephens, der uns auf diese Reise in den hohen Norden schickt: «Three Kingdoms», ein Drei-Länder-Krimi, der in seiner Machart richtungsweisend werden könnte. Denn derart inhaltlich verzahnt sind internationale Koproduktionen – zumindest auf Stadttheaterebene – bislang noch nicht gewesen. Stück und Inszenierung sitzen auf einem Getriebe. Stephens hat für seinen Uraufführungsregisseur Sebastian Nübling einen dunklen Halbwelttrip entlang der Küstenlinie von London über Hamburg bis ins estnische Tallinn entworfen. Eine junge russischsprachige Prostituierte ist in der Themse-Metropole bestialisch ermordet worden – in einen Schraubstock eingespannt und mit einer Säge enthauptet –, als Racheakt von Zuhältern, die die Frau anzeigen wollte. Jetzt reist der Polizist Ignatius Stone mit einem Kollegen auf den Kontinent, um die Hintermänner der Tat aufzudecken.
Sebastian Nübling bringt diesen Transit-Thriller konsequent internationalisiert an drei beteiligten Bühnen heraus. Welturaufführung war im letzten September in Tallinn, im Oktober folgte München. Die Londoner Premiere findet im Mai dieses Jahres statt. Drei Schauspieler des Lyric Theatres in Hammersmith stehen auf den Brettern und nahezu die gesamte Crew des Tallinner Theaters NO99 (sieben von zehn Ensemblemitgliedern). Ursprünglich sollte das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg mit von der Partie sein. Aber die Kooperation fiel durch den Rückzug von Intendant Friedrich Schirmer aus. Jetzt spielen auf deutscher Seite die Münchner Kammerspiele, vertreten durch Çigdem Teke, Lasse Myhr und Steven Scharf (es wird noch davon zu reden sein, was diese Ortsveränderung mit dem Stück macht). Alle Akteure sprechen praktisch durchweg ihre Muttersprachen und werden für das Publikum vor Ort in die jeweilige Landessprache übertitelt.
Babylonisches Sprachgewirr
Ein Hauch von babylonischem Sprachengewirr umweht auch die Grenzgänge des Stückes. «Three Kingdoms» zeigt ein Europa ohne Semantik, ohne Politik und ohne ethisches Gewissen; ein Europa, dessen Gemeinsamkeiten vom rollenden Rubel gestiftet werden. Der Markt mit seiner grellsten Fratze regiert im Zwielicht der Hotelzimmer und Nachtbars. «Geld verdienen ist nicht verboten», sagen Typen vom Schlage des Pornofilmproduzenten Georg Kohler (Lasse Myhr) und singen das Hohelied der Profitmaximierung. Es sind schneidende Ansichten eines Europas, das sich seit Schengen zuallererst über den freien Personen- und Warenverkehr definiert und dem seine politischen Steuerungskräfte unter der Euro- Schuldenkrise zunehmend abhanden kommen.
Dabei bleibt Stephens’ Drama zunächst einmal wohltuend konkret. Wie in einem guten «Tatort» graben sich die beiden Ermittler Ignatius Stone (Nick Tennant) und Charlie Lee (Ferdy Roberts) über diverse Verhöre tiefer und tiefer hinein in den Sumpf der Zwangsprostitution. Die echte hard-boiled Story ist durch formidable Punch Lines aufgelockert: Ihr «schwanzgesichtigen Fotzen» beschimpft ein Zuhälter die Polizisten, die betont jovial reagieren: «Dieses Bild musste sich jetzt vor meinem geistigen Auge erst mal aufbauen.» Als Mischung aus Shakespeareschen Totengräbern und Vorabendserien-Cops witzeln sie sich anfangs durch den bitteren Stoff.
Spätestens mit dem Wechsel nach Deutschland aber beginnen die Verständigungsprobleme, kommt dem Duo seine Souveränität abhanden. Und der finale Trip nach Estland, den Ignatius allein antritt, wird vollends zur Reise ins Herz der Finsternis. Auf der Bühne sehen wir die athletischen Burschen des NO99 als Menschenhändlerbande. Man kennt die jungen Akteure in Deutschland seit ihren Gastspielen mit der Performance zur Geburtenregulierung «HEM – Heiße Estnische Männer». Nübling eröffnet den Estland-Teil wie in einer Boxhalle, lässt breitbeinige Posen nahe am Klischee des wilden Ostens zelebrieren. Und auch das Stück kriegt plötzlich einen anderen Zug. Bis dato war alles über Ignatius fokussiert, plötzlich rückt die Darstellung vom Protagonisten ab, wird verallgemeinernder. Man spricht, wie in der besagten Nachtclubszene in Tallinn, über den jungen Staat, über das marktwirtschaftliche Know-how oder über die nationale Bewusstseinslage.
Das war zuvor nicht nötig. Warum auch? England und Deutschland sind als alte Großmächte im Durchschnittsdiskurs vorausgesetzt. Aber Estland? Ja, denkt man bei sich, eigentlich weiß ich doch furchtbar wenig über dieses Land im hohen Nordosten. Wie sagt ein Este im Stück über die Engländer? «Ich glaube, die kennen meist nicht mal den Unterschied zwischen Baltikum und Balkan.»
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