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Die Verwandlung
Claus Peymann bekommt zum Abschied am Berliner Ensemble ein Buch geschenkt

Wenn es schon kein an­derer macht, muss man es eben selber tun: Die Dramaturgie des Berliner Ensembles, allen voran Peymann-Lebensgefährtin Jutta Ferbers, hat ihrem scheidenden Direktor ein Buch spendiert: «Claus Peymann – Mord und Totschlag». Hermann Beil zitiert im Vorwort Thomas Bernhards Theatermacher Bruscon – «Lebenslängliche Theaterkerkerhaft / ohne die geringste Begnadigungsmöglichkeit» –, um das Phänomen Peymann angemessen ins Kunstschicksalhafte zu erhöhen: Sein Leben sei Theater, und das Theater sein Leben. Herausgekom­men ist ein «Theaterlebensbuch», hauptsächlich aus Peymann-O-Ton in Interviews, Reden, Aufsätzen, aber auch zugewandten Zuschriften, gerne von Autoren, die in zierlichen Episteln ihre neuen Werke dem «Großfürst der Schnürböden» (Thomas Bernhard) zu Füßen legen.

Chronologisch geordnet geht es von Bremen (Schultheater) über Hamburg, Göttingen und Erlangen (Studententheater) an seine erste größere Geniestation im Frankfurter Theater am Turm, wo er sich mit Peter Handkes «Publikumsbeschimpfung» in einen ersten folgenreichen Theaterskandal verstrickt. Im Porträt von Wolfgang Ignee präsentiert er sich als undogmatisch skeptischer Zeitgenosse, der zwar zu dezent bürgerschreckhafter Selbstinszenierung neigt, darüber aber seine kritische Selbstdistanz nicht verliert. Theatermachen sei ein Job und: «In zehn Jahren mache ich was anderes. Das schwör ich.»

Weiter zieht das Peymanntheater über einige Gastregisseursstationen in seine erste Schauspieldirektion nach Stuttgart, wo man sich an der Schwaben-CDU um den furchtbaren Juristen Hans Filbinger reibt und schließlich wegen einer 100-DM-Spende für den Zahnersatz in Stammheim inhaftierter RAF-Häftlinge vorzeitig gekündigt wird. Selten hat eine Provinzposse den Zeit-Ungeist absurder in die Kenntlichkeit gestürzt. Der Peymann dieser Jahre argumentiert bemerkenswert souverän und überlegen: «Ich lasse mich nicht zu einem ‹Sympathisanten› stempeln, der ich nicht bin. Maxime meiner künstlerischen Arbeit ist es, gegen Unvernunft, gegen Gewalt, gegen jedes Verbrechen zu sein.»

Darauf folgen sieben Jahre Bochum bis 1986, wo Peymann mit Uraufführungen von Heiner Müller, Thomas Bernhard oder George Tabori, Bildertheater von Achim Freyer, Inszenierungen von Adolf Dresen, B.K. Tragelehn, Manfred Karge, Matthias Langhoff bis Andrea Breth eins der spannendsten, nervösesten und widerspruchsreichsten Stadttheater der alten Bundesrepublik zusammenzog. Leider nimmt das Bochum-Kapitel gerade mal 20 (von gut 500) Seiten ein.

Reise in den Wahn

In Wien ändert sich der Ton bald grundlegend – die imperiale Peymann-Phase beginnt. Schon früh zeigen sich erste Zeichen von Wahnhaftigkeit. Seinen Interviewer André Müller, der meint, Thomas Bernhards Schreiben sei doch etwas anderes als der leibhaftige Umgang mit Menschen, versteht Peymann nicht mehr: «Wo ist da der Unterschied?» Im weiteren Verlauf des Gesprächs aus dem Mai 1988 sagt Peymann erstaunliche Dinge: «Wenn in den Kopf eines Schauspielers nicht hineinwill, was ich mir vorgestellt habe, wende ich die bedingungsloseste und brutalste Gewalt an. Das geht von Gebrüll bis zu Mord und Totschlag.» Oder er wähnt sich plötzlich als preußischer Offizier: «Ich kenne die Faszination eines Kavallerieangriffs.» In den folgenden Jahren kann man Peymann dann bei der unaufhaltsamen Verwandlung in eine Thomas-Bernhard-Figur begleiten: ein apodiktischer Schwadronierer und rechthaberischer Sprücheschwinger, der sich in eine Theaterfiktion verabschiedet, die er mit seinem Leben verwechselt.

In der Zeit am Berliner Ensemble ab 2000 gibt es dann noch vereinzelte lichte Momente, die ihm unbeirrbare Gesprächspartner aufzwingen. Auf René Polleschs Einwurf – «Lassen Sie die Schauspieler spielen, lassen Sie die Tänzer tanzen. Weg mit diesem Zampano, der jedem seine Vision aufdrückt» – anwortet Peymann in einem seltenen Akt der Nachdenklichkeit: «Ich weiß, was Sie meinen. Ich will es auch nicht verbieten. Es ist nur eigentlich schon vorbei.»

Mitte 2017 wird es endgültig vorbei sein mit dem Intendanten Claus Peymann, der einst ausgezogen war, die starren alten Männer der Gründgens-Generation abzuschaffen, bis er selber einer von ihrem Schlag geworden ist. Und der darüber hinaus noch hoffentlich lange Zeit eine lebende Warnung für alle bleiben wird, die sich im Theater einrichten, als ob es ihr Leben wäre.


Franz Wille / Theaterheute / Seite 63 / Februar 2017

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