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Das Leben macht schlechte Witze
Wyrypajews «Illusionen» am Theater Chemnitz.
In Chemnitz bringt Dieter Boyer Iwan Wyrypajews illusionsloses Liebesstück «Illusionen» sehr nah ans Publikum (der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei

Da kommt zum Beispiel der Ehemann nach Hause: «Die Schlafzimmertür war zu, an der Tür war mit Reißzwecken ein Zettel befestigt, da stand mit Bleistift drauf: ‹Mein Lieber, ehe du ins Zimmer gehst, mach dir bewusst, dass ich mich dort aufgehängt habe. Margret.›»
Das Leben macht schlechte Witze, und die Liebe ist dann meist nur noch ein letztes verklungenes Wort. Ein Leben kann ewig dauern, doch die Liebe und ihr Ende ereignen sich in nur winzigen Augenblicken. Das Leben ist pure und nicht zu ändernde Wahrheit, aber in der Liebe lässt sich mit der Lüge und der Täuschung spielen. Doch aus dem Spiel wird Ernst. Und dann kommt man nichtsahnend nach Hause und findet an der Schlafzimmertür einen Zettel, mit Reißzwecken befestigt: «‹Mein Lieber› ... Albert öffnete die Tür zum Zimmer. Dort hing an einem Strick Margret. Sie war tot.»


Die Unbeständigkeit der Liebe


Nächste Vorstellungen:
29.11.2011
03.12.2011
29.12.2011
20.01.2012

Theater Chemnitz, Ostflügel

Iwan Wyrypajews Stück liegt vollständig der Dezember-Ausgabe von «Theater heute» bei.

Wenn die vier Personen aus Iwan Wyrypajews jüngstem Stück «Illusionen» an dieser Stelle angelangt sind, verordnet ihnen der Text erst einmal eine «Pause». Die haben sie da auch bitter nötig, denn der Schock, so lakonisch erzählt er sich anschleicht, sitzt tief. Und so ratlos sie der angekün­digte Tod auch macht, so hilflos reagieren sie auf dessen Chronik, auf die Rechtfertigung, die die Tote zurücklässt: «Ich habe mich zu diesem Schritt entschlossen, weil ich endgültig nicht mehr verstehe, wie alles funktioniert. Ich weiß nicht, warum sich alles so zusammenfügt und was woraus folgt. Ich kann keinen Grund erkennen, warum sich alles so entwickelt, keine Gesetzmäßigkeit, nach der es abläuft. Ich finde keine Beständigkeit. Es sollte doch eine Art von Kontinuität geben (...)? Es sollte doch wenigstens etwas Beständiges geben in diesem sich wandelnden Universum ...?» Dabei hatte alles so harmonisch begonnen. Doch wer die Theaterarbeiten Wyrypajews kennt («Sauerstoff», «Juli»), konnte sicher sein, dass sich aus dem leichtfüßigen Smalltalk über das schöne Unding der Liebe ein wie auch immer gearteter Diskurs über das Ende der Gewissheiten, über das Scheitern als Normalfall ergeben würde. Der 1974 in Sibirien geborene Dramatiker erzählt in «Illusionen» die Geschichte zweier befreundeter Pärchen, die Jahrzehnte miteinander verbrachten. Zwar werden die vier Personen als 30- bis 40-Jährige vorgestellt, doch sie lassen ihr Leben und ihre Erlebnisse als Rückblende ablaufen: Kurz vor dem (freiwilligen oder natürlichen) Tod gestehen sie sich gegenseitig und reihum, wie perfekt und letztlich unglückselig sie sich hintergangen und betrogen haben. «Zuerst tritt eine Frau auf, dann noch eine, danach tritt ein Mann auf, und ein bisschen später kommt noch ein Mann dazu. Diese Menschen sind nur auf die Bühne gekommen, um dem Pubikum die Geschichte von zwei Ehepaaren zu erzählen», schreibt Wyrypajew. Klingt einfacher, als es dann tatsächlich ist: Danny liebt seine Frau Sandra und beteuert das auch noch auf dem Sterbebett; Sandra aber liebte schon immer Albert, auch wenn weder der noch Danny etwas davon ahnten; Sandra gesteht es Albert kurz vor ihrem Tod; Albert dachte, seine Frau Margret zu lieben; da aber wahre Liebe gemeinhin auf Gegenseitigkeit beruht, liebt Albert nun folgerichtig Sandra – oder glaubt es zumindest. Bleibt Margret; eigentlich liebt sie ja Albert, doch sie gesteht ihm ein Verhältnis mit Danny – oder treibt sie nur einen Scherz damit? Auf jeden Fall ist sie konsequent und hängt sich auf. Und klagt noch aus dem Jenseits heraus darüber, dass es keine Beständigkeit gäbe im sich wandelnden Universum. Da können die Zurückgebliebenen nur betreten zustimmend nicken.


Der Tod öffnet Augen und Herzen


Wenn in Schnitzlers «Reigen» die Liebhaber und Gespielinnen weitergereicht werden wie abgenützte Trophäen, dann stecken sich bei Wy­rypajew die Figuren verstohlen gegenseitig die Illusionen von der wirklichen Liebe zu, bis sie schließlich am Ende wieder vor ihren eigenen ramponierten Trugbildern stehen. Es ist der Tod, der ihnen die Augen und Herzen öffnet, der sie gestehen und im selben Moment erschrecken lässt darüber, dass sie doch nur ein Rädchen waren in diesem perfekt eingespielten Ringelreihen der ewigen Gefühle, nur – und das ist das wirklich Traurige an diesen banalen Geschichten – ein heimlicher «Sünder» unter vielen. Genützt hat es zudem niemandem etwas, denn bei all dem Selbst­betrug und dem Verschweigen der wahren Empfindungen blieb das Glück auf der Strecke. In der gesellschaftlich korrekt zelebrierten Zweisamkeit war die Flucht vor dem Stillstand nichts anderes als eine Sehnsucht, ein Wunsch: «Du musst mich hier rausholen – aus dieser Welt.» Iwan Wyrypajew verpackt diese «Illusionen» in seinem Auftragswerk für das Theater in Chemnitz in Dialoge, deren unaufgebrachter, perfide netter Plauderton in die Irre und stets bis kurz vor den Abgrund führt. Es sei ein Stück, sagt Wyrypajew, «in dem alles schlecht endet, zugleich sind es aber sehr optimistische und heitere Geschichten, die zu einer Katharsis führen.» Freilich kommt die seelische Reinigung zeitgleich mit der letzten Ölung daher, und die Liebeskonstruktionen von Danny, Sandra, Albert und Margret zeigen sich als wacklige Gerüste über den offenen Gräbern.


Im Wartesaal der letzten Hoffnungen


«Die Absolutheit der Liebesdefinitionen», meint denn auch Regisseur Dieter Boyer, der die Szenen in Chemnitz inszeniert hat, «ist gegenüber einer Absolutheit von Tod einfach lachhaft. Oder? ‹Wahre Liebe kann nur so und so sein ...›, ‹Liebe kann nur gegenseitig sein› und ‹Liebe kann auch sein, wenn sie nicht gegenseitig ist› – diese seltsame Sehnsucht der Figuren, ein absolutes Bild der Liebe, eine absolute Wahrheit der Liebe zu haben, vor allem die Sehnsucht nach der Unveränderlichkeit ist angesichts der Erkenntnis, dass man irgendwann einmal tot umfallen wird, lachhaft.» Gleichwohl hat sich Boyer entschlossen, diese «seltsamen Sehnsüchte» sehr direkt auf die Zuschauer wirken zu lassen. Er konfrontiert das Publikum hautnah mit den Figuren und deren Bekenntnissen, die so auch leicht zu einer ganz persönlichen Reflexion werden können. Man sitzt in Chemnitz auf einer Ebene in einer Art Lounge, einem Wartesaal der verpassten Chancen und der letzten Hoffnungen, durch den die vier Schauspieler (Susanne Stein, Laina Schwarz, Michael Pempelforth und Hartmut Neuber) erzählend schlendern. Das ist jedoch keineswegs «Mitmachtheater» plumper Sorte: Die Privatsphären der Gäste bleiben so gewahrt und unangetastet wie die Seelenverwicklungen der beiden Pärchen offengelegt und durchwühlt werden; dennoch ist da für 90 Minuten eine Zusammengehörigkeit und vor allem kein Entkommen. Boyer entgeht kunstvoll der Gefahr, den nur vordergründig harm­losen Text als kammerspielerische Gesellschaftskomödie über die mehr oder weniger zu Herzen gehenden erotischen Eskapaden auf- und abgeklärter Bildungsbürger verklingen zu lassen.


«Illusionen» ist ein Stück, wie man es von Iwan Wyrypajew nicht unbedingt erwartet hätte. Es ist streng komponiert mit nahezu klassischen Dialogen, es trifft in die Mitte der ganz normalen gefühlswackligen Gesellschaft und treibt sich nicht an deren zerbröselnden und kaputten Rändern herum wie etwa «Sehnsucht», wo in dröhnender Disco-Atmosphäre der Sinn des Lebens verloren ging, oder «Juli», wo ein mörderischer Heilssucher im Mittelpunkt stand. Inhaltlich und sprachlich waren Wyrypajews bisherige Arbeiten verstörende (Ab-)Bruchstücke. «Illusionen» dagegen handelt sehr einfach und schneidend klar von dem Unglück, das jedem geschehen kann, von dem Gefühlsmord, den jeder begeht, und von der Gewissheit, dass nichts gewiss ist im Leben. Außer am Ende der Tod, der nochmal die Lippen öffnet, bevor sie für immer verschlossen werden. Ist das nun tröstlich oder schrecklich? Reizvoll oder selbstgefährdend? Es kommt darauf an, ob man die Wahrheit ertragen kann. Wyrypajew jedenfalls lädt zu einem Wagnis ein mit einem Zitat aus Pierre Corneilles «Spiel der Illusionen»: «In allen Einzelheiten werd ich Euch seine Liebesabenteuer unterbreiten. Habt Ihr indes genügend Selbstvertrauen, um Euch in einem Gaukelspiel sein Leben anzuschauen, dann kann es sich in seinem Auf und Ab entfalten in Trugbildern, die sich geben wie leibhaftige Gestalten.»


Bernd Noack / Theaterheute / Seite 22 / Dezember 2011

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