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Chronik

Alter Slawe!
Berlin Volksbühne am Rosa-Luxemburg: Dostojewski «Die Wirtin»

Nein, «der Frank» habe damit nichts zu tun, meint Hendrik Arnst alias Jaroslaw Iljitsch alias typischer russischer Kleinbürger voll bauernschlauer Schlitzohrigkeit ganz zum Schluss. Der Frank sei ein alter Mann und sowieso seit drei Jahren in Bayreuth, wo die Opern-Welt im Sommer Castorfs «Ring» erwartet.

Ganz so unbeteiligt wird Frank Castorf an seiner jüngsten Dostojewski-Inszenierung in der Berliner Volksbühne aber nicht gewesen sein, wo er seine eingeschränkte Berliner Schaffenskraft nach fünf großen Romanen jetzt der frühen Erzählung «Die Wirtin» widmete. Dostojewski war 24 Jahre alt, als er 1847 die krude Dreiecksgeschichte um eine schöne junge Frau geschrieben hat, die zwischen zwei Männern steht: dem aufgeklärten jungen Wissenschaftler Ordynoff, der sich zum ersten Mal verliebt, und dem altrussischen Gauner, Mörder und Mystiker Murin, der die schöne Katerina erst raubt und dann wie eine Gefangene hält. Unnötig zu sagen, wie die Sache bei dem überzeugt slawophilen Dostojew­ski ausgeht. Der verklemmte Westler hat keine Chan­ce, weil die wahre Russin ihr Gefängnis liebt und der echte Orthodoxe viel klüger ist als alle angeblichen Intellektuellen. Kein Wunder, dass der engagierte Literaturkritiker Belinski seinerzeit die Erzählung einen «schauerlichen Blödsinn» nannte.

Frank Castorf inszeniert mit altmeisterlicher Routine und überraschend werktreu ohne weite­ren Kommentar-Ehrgeiz. Bert Neumann hat eine malerische Holzbaracke mit Brunnen, Ikonenecke und Fichtenbett-Schlafzimmer gebaut, die beschwingt auf der Drehbühne kreist. Das zum Teil heftige, aber oft uneinsehbare Innenleben wird bewährt auf den großen Videoschirm rechts an der Rampe übertragen. Trystan Pütter schreispielt den unglücklich verliebten Ordynoff von Anfang an auf höchstem zappelnden Hysterie-Niveau, während Marc Hosemann seinen Gegenspieler Murin als eindringlichen Mustermacho präsentiert. Mit Schnauzbart, Hackebeil und markigen Gesten scheint er einem tschechi­schen Dschinigs-Khan-Streifen aus den 60er Jahren entsprungen, und Katerina gefällt das: Kathrin Angerer gibt eine demütig großäugige Räuberbraut, die für Murin umstandslos ihre bet-jammernde Mutter (Bärbel Bolle) verlässt, während der Vater in den Siedekessel stürzt. Lockende Blicke auf der Großleinwand runden das eher rustikale Frauenbild ab.

Ganz am Ende folgen doch noch ein paar aktuelle Text-Einwürfe, die den wolkig reaktionären Dostojewski-Sound klären und die Botschaft weiter zuspitzen: Hendrik Arnst im gegürteten Bauernhemd hebt zu einem Lob auf die Orthodoxie und die wahre Liebe zum russischen Volk an, garniert mit ein paar abfälligen Zitaten über die Pussy Riots und dem abschließenden Hinweis von Ordynoff, er sei bekehrt und schreibe an einer orthodoxen Kirchengeschichte. Zitate des großrussisch-rechtskonservativen Eduard Limonow im Programmheft, der den Schaden der Pussy-Riot-Aktion beklagt, runden die Inszenierung ab.

Nein, «der Frank» ist ein alter Mann und hat damit nichts zu tun. Schon verstanden. Franz Wille


Franz Wille / Theaterheute / Seite 53 / Dezember 2012

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