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Neue Stücke der neuen Spielzeit

Das Ende des Dialogs
Foto: Arno Declair
Nuran David Calis «Kuffar. Die Gottesleugner»

Dieser Text ist im Jahrbuch 2016 «Grenzen» erschienen. Mehr zu den Highlights der Saison 2015/2016.

Das Stück können Sie wieder am 8. und 18. 2. am Deutschen Theater in Berlin sehen. Die Rezension von Franz Wille in Theater heute 2/17 finden Abonnenten hier.

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Wahrheit und Freiheit unterhalten im aufgeklärten Europa ein höchst verzwicktes Verhältnis. Doch Hakan Denktas, Protagonist in «Kuffar. Die Gottesleugner», kennt den Ausweg aus den Beunruhigungen der Moderne: Er stellt sie still, indem er sie als einfachen Gegensatz begreift. «Ihr sucht die Freiheit. Ich suche die Wahrheit.» Präziser lässt sich die Attraktivität eines religiösen Sinnversprechens kaum zusammenfassen, das Ambiguität in Eindeutigkeit überführt und Kontingenz in Ideologie.

Nuran David Calis’ jüngstes Stück ist, erstens, das Protokoll einer allmählichen Radikalisierung. Hakan, Sohn türkischer Einwanderer, ein Kind der zweiten Generation, wandelt sich vom Krankhausarzt, der verbotenerweise medizinisches Gerät nach Syrien schickt, zu einem überzeugten Islamisten. Als Abu Ibrahim verleiht er seinem wachsenden missionarischen Eifer Ausdruck in einem Videoblog. Je kompromissloser er argumentiert, desto größer wird die Zahl seiner Follower. Bis der Blog eines Tages vom Netz geht. Warum, bleibt in der Schwebe.
 
Der französische Politologe Olivier Roy hat darauf hingewiesen, dass die Radikalisierung junger europäischer Muslime nicht ohne das Thema des Generationenkonflikts zu verstehen ist. Nuran David Calis folgt dieser Spur. Hakans Eltern Ismet und Ayse waren in der Türkei einst Teil der revolutionären Linken. Im Zuge des Militärputsches 1980 drängte Ismet darauf, nach Deutschland zu gehen, um dem ungeborenen Kind ein sicheres Leben zu ermöglichen. Als Übersetzer und Gewerkschafter einer Autofirma und als Tanzlehrerin an der Volkshochschule konnten sie sich dort etablieren. 
 
Jetzt, Jahrzehnte später, sind beide in Rente. Hakan, der nach gescheiterter Ehe wieder bei seinen Eltern wohnt, entzieht sich ihnen zu­sehends. Rat- und hilflos stehen sie, die stets säkular gelebt haben, seinen Veränderungen gegenüber, missverstehen deren Dimension. Und haben mit den Konflikten zu kämpfen, die nun aufbrechen: über den angemessenen Umgang mit ihrem Sohn, über Mut und verratene politische Ideale, über die Entscheidung, aus der Heimat zu flüchten. «Kuffar. Die Gottesleugner» erzählt so, zweitens, auch eine generationsübergreifende Exil- und Migrationsgeschichte.
 
Darüberhinaus fängt der Text, drittens, die hoch aufgeladene, spannungsreiche Atmosphäre im September 1980 ein, kurz bevor die Armee die Macht in der Türkei übernahm. Übungen, wie man sich im Polizei­verhör korrekt verhält, Aufrufe zur Aktion, Verwandte, deren Parteinahme unklar ist, Fluchtgedanken, Gewalt und Angst: Collagehaft umkreist Calis in diesen Sequenzen einen entscheidenden Moment der jüngeren türkischen Geschichte, in dessen Folge Zehntausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen. 
 
Das verborgene Zimmer eines jungen Mannes, der sich radikalisiert, die Exilsituation seiner Eltern und deren Erfahrungen als junge Aktivisten in der Türkei: Drei Welten, drei Orte sind es, die Calis’ Stück ineinander verschränkt. In vielen Momenten meint man dem Text anzumerken, dass der Autor weiß, wovon er schreibt (was nicht heißt, dass daraus biografische Erfahrung sprechen würde). Die Schilderung eines Sommertags im türkischen Norden oder eine detaillierte Beschreibung, wie die Staatsmacht Nachbarn zur Folterung zwingt, schlagen einen neuen Ton in der deutschsprachige Gegenwartsdramatik an. 
 
Doch zugleich ist «Kuffar. Die Gottesleugner» auch eine Zumutung, im positiven Sinn. Denn der Text stellt, ohne sie auszusprechen, eine Frage, die in säkularen Gesellschaften kaum mehr gehört wird. Es ist die Frage nach Gott. Gestellt wird sie mit größtmög­licher Unsicherheit über sein Wesen. Doch wenn es den Gott geben sollte, auf den sich Hakan beruft, was folgt dann aus seiner Anwesenheit? Calis verzichtet darauf, Hakans Entwicklung zu kommentieren. Stattdessen versucht er, sie erfahrbar zu machen, erlebbar werden zu lassen. So weit von Apologetik entfernt, wie es nur irgend geht, und zugleich so unsentimental wie nur möglich, erzählt «Kuffar. Die Gottesleugner» von Unbedingtheit, Überzeugung und dem Ende des Dialogs.
 
Claus Caesar ist Dramaturg am deutschen Theater Berlin.
 

Claus Caesar / Theaterheute / Seite 159 / Jahrbuch 2016

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