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Ausland

Mehr Kunst für Henk und Ingrid
Foto: Gerhard F. Ludwig | www.fotofisch-berlin.de
Ein Gespräch mit Annemie Vanackere, designierte Leiterin des Berliner HAU, über die gefährdete Zukunft der holländischen Theaterstruktur

Theater heute In den Niederlanden soll der Kulturhaushalt um 25 Prozent gekürzt werden. Davon werden die Darstellenden Künste mit 40 Prozent am schwersten betroffen sein, wobei diese Kürzung wiederum vor allem zu Lasten des Fonds für Performing Arts (Fonds Podiumkunsten) gehen, dessen Budget sich um 50 Prozent reduziert. Auch das Theaterinstitut ist schon so gut wie geschlossen. Wie sieht die Situation jetzt aus, und wie funktioniert öffentliche Theaterförderung der Städte und des Landes in den Niederlanden überhaupt? Das ist ja nicht ganz unkompliziert.

Annemie Vanackere In der Tat. Von nationaler Seite gibt es zwei Quellen. Einerseits das Ministe­rium für Kultur und andererseits den Fonds Podiumkunsten. Das Ministerium hat vor vier Jahren – also noch ganz frisch – ein neues Finanzierungs-Instrument erfunden, die so genannte Basis-Infrastruktur. Dahinter steht der Gedanke, dass es eine Art kultureller Grundversorgung geben muss, ausgewählte Museen, Opernhäuser, einige große Gruppen und außerdem 22 so genannte Produktionshäuser für die Talententwicklung junger Gruppen und Künstler. Gerade letzteres war ein revolutionärer Schritt! Wir haben an der Rotterdamse Schouwburg auch eins, das zu meinem Verantwortungsbereich gehört.

Annemie Vanackere, geboren 1966
im belgischen Kortrijk, ist derzeit noch  künstlerische Leiterin der Rotterdamse Schouwburg, wo sie seit 1995 arbeitet.
 Ab 2012 übernimmt sie von Matthias Lilienthal die Leitung des Berliner HAU.
Das Gespräch führten Eva Behrendt
und Franz Wille

TH Wie funktioniert so ein Produktionshaus?

Vanackere
Die Produktionshäuser fördern die Entwicklung junger Theatermacher, übernehmen aber auch die Funktion eines Filters. Junge Künstler, von absoluten Anfängern bis zu Theatermachern, die schon zwei bis vier Produktionen herausgebracht haben, suchen nach Häusern, um neue Arbeiten zu produzieren und zu zeigen – umgekehrt suchen die Häuser nach Künstlern, von denen sie hoffen, dass sie sich als Entdeckungen erweisen. Deshalb haben die künstlerischen Direktoren der Produktionshäuser ein starkes Gewicht: Sie entscheiden, wer produziert wird und wer nicht. Insgesamt gibt es in den Niederlanden 22 Produktionshäuser, die zusammen die Bereiche Tanz, Schauspiel, Jugendtheater, Musiktheater, Musik, Pantomime und Objekttheater abdecken und jeweils einen eigenen Schwerpunkt haben.

Philosophie der Basis

TH Wie viel Geld bekommt so ein Produktionshaus?

Vanackere Unterschiedlich, zwischen 150.000 und 1.000.000 Euro, je nach Größe. Dazu kommt dann noch in unterschiedlicher Höhe Geld von der Stadt oder der Provinz; wir in Rotterdam haben etwa 800.000 Euro. Zu 40 Prozent bin ich am Produktionshaus angestellt, zu 60 Prozent an der Schouwburg. Die laufenden Kosten fürs Produktionshaus sind gering, weil wir in der Schouw­burg residieren. Aber so günstig ist die Situation nicht überall. Hinter dieser Basis-Infrastruktur steht eine Philosophie: Man findet bestimmte etablierte Kunstorte wichtig und eben die Talententwicklung.

TH Und wie funktioniert die Mittelbewilligung?


Vanackere Alle vier Jahre schreibt man einen neuen Antrag. Der jeweils aktuelle Kulturminister entscheidet über die Schwerpunkte. Das ist zur Zeit Halbe Zijlstra, und er wurde – wie das gan­ze Kabinett – mit Kürzungsforderungen konfrontiert. Und diese Kürzungen scheinen ihm Spaß zu machen!

TH Und der Fonds?


Vanackere Das ist eine Struktur, an die sich alle kleineren Gruppen wenden können, und auch Festivals, ebenfalls mit vierjähriger Laufzeit. Das gibt Planungssicherheit. Zum Beispiel bekommt Wunderbaum, eine Gruppe, die bei uns residiert, Mittel aus diesem Fond. Daneben gibt es auch zweijährige Künstlerförderungen und Einzelförderungen für Projekte.

TH Und die Städte?


Vanackere Die passen sich diesem Vierjahreszyklus an, sonst könnte es nicht funktionieren. Es finden dann immer Absprachen zwischen dem Ministerium und den Kommunen statt. Wenn zum Beispiel eine Stadt eine große Theatergruppe hat wie das Ro-Theater bei uns – dann vereinbaren beide Seiten, was sie geben, damit die Finanzierung möglich wird.

Producers und Presenters

TH In welchem Verhältnis fördern Land und Städ­te in der Regel?

Vanackere Das ist, glaube ich, sehr unterschiedlich. Für unser Produktionshaus ist das Verhältnis jetzt ungefähr 50/50. Wir stellen unsere Anträge immer zur gleichen Zeit beim Ministerium und bei der Stadt. Die Bühnen selbst werden allerdings zu 100 Prozent von den Städten getragen, das ist sehr wichtig. Die Rotterdamse Schouw­burg ist in städtischer Hand, aber unser Festival «De Internationale Keuze» zum Beispiel erhält vier Jahre lang 158.000 Euro aus dem Fonds. Nicht sehr viel für ein Festival, aber es hilft. Grob kann man sagen: Die Bühnen, die Presenters, werden von den Städten getragen, und die Künstler, die Producers, vom Ministerium.

TH Das heißt, wenn das Ministerium spart, dann haben die Presenters keine Producers mehr.

Vanackere Genau. Das trifft das niederländische Theater im Kern, denn es gibt viele Häuser, die keine eigenen Produktionsmittel haben, die können nur als Gastspielorte funktionieren. Das hat auch mit dem sozialdemokratischen Gedanken zu tun: Die Kunst kommt zu euch. In allen kleinen Städten steht ein Theater, in dem im Prinzip alle Gruppen vorbeikommen sollen. Holländische Gruppen haben die Verpflichtung zu touren, und sie können das auch sehr gut. Ganz anders als deutsche Stadttheater, die nicht auf Tour eingestellt sind. Die kommen dann mit zwanzig  Technikern, was wir in Holland unfassbar finden – das größte holländische Ensemble, Toneelgroep Ams­terdam, tourt beispielsweise mit nicht mehr als fünf Technikern.

TH Aber wenn das Angebot der Gruppen wegfällt, stehen diese vielen Theater leer.


Vanackere Seit wir die neue Regierung haben, ist das eine reale Gefahr. Natürlich muss gespart werden, das wissen auch die Menschen im Kulturbereich, aber 200 Millionen ist erstens sehr viel und zweitens: Der Bereich der Performing Arts wird dabei am stärksten belastet. Das Theaterinstitut und die Produktionshäuser werden komplett aus der Basis-Infrastuktur gestrichen. In diesem Bereich bleiben nur die großen, repräsentativen Einrichtungen übrig: acht große Theatergruppen – warum gerade acht, kann man sich fragen –, ein Opernhaus, das Holland-Festival, große Museen. Man behauptet, sich damit auf das kulturelle Erbe zu konzentrieren, vergisst aber, dass man auch heute etwas schaffen muss, damit man morgen etwas zum Vererben hat. Der Fonds soll auch stark gekürzt werden. Wenn also jetzt ein Produktionshaus, das keine Mittel aus der Basis-Infrastruktur mehr bekommt, dort einen Antrag stellen will, ist dort auch kein Geld mehr vorhanden. Wir werden sehen, wie der Fonds mit dieser Situa­tion umgehen wird – viel weniger Geld und viel mehr Kandidaten.

TH Damit werden gerade die Schwächsten am stärksten getroffen.

Vanackere
Und es betrifft den ganzen Bereich der Performing Arts: Tanz und Schauspiel ebenso wie Musik und Musiktheater.

Rechte Ressentiments

TH Das Ministerium begründet diese Kürzungen mit dem üblichen neoliberalen Vokabular, dass sich die Künstler als Unternehmer verstehen und ihr Geld beim Publikum oder bei Sponsoren selbst verdienen sollen.

Vanackere Es ist noch ein bisschen komplizierter, denn gerade in Belgien und den Niederlanden haben die liberalen Politiker die Kulturpolitik immer großzügig unterstützt, ausgehend von einem positiven und idealistischen Zivilisationsbegriff. Jetzt regiert die liberale Partei von Ministerpräsident Mark Rutte zusammen mit den Christdemokraten, aber was es jetzt besonders hässlich macht, ist die Duldung durch die rechtspopulistische PVV von Geert Wilders. Die Regierungskoalition ist eine Minderheitskoalition, sie spürt den heißen Atem der Rechtspopulisten, und die sind voller Ressentiments gegen die Kultur und die linke Elite, die sie dahinter vermuten. Es steckt also nicht nur ein marktliberales Denken dahinter – ein Denken, das herübergeweht ist aus den USA und Großbritannien und das sein Scheitern schon bewiesen hat –, sondern darüber hinaus eine böse Voreingenommenheit. Diese Kunst ist nicht für Henk und Ingrid, heißt es dann. Ich finde das ziemlich unanständig.

TH Henk und Ingrid?

Vanackere Das sind die autochthonen Holländer.

TH Ah, Otto Normalverbraucher! – Und wie verhalten sich die Städte in dieser Situation?


Vanackere Auch die Städte müssen sparen, das verschärft das Problem. Dabei ist die Situation in jeder Stadt anders. Rotterdam findet Kultur wichtig, aber die Verantwortlichen sagen, auch sie müssen 20 Prozent der Ausgaben kürzen. Da dreht sich die Diskussion dann darum, ob man bei allen Institutionen gleich viel kürzt, das Käsehobel-Prinzip ...

TH... wir nennen das in Deutschland den Rasenmäher ...

Vanackere
... oder ob man Schwerpunkte setzt. Rotterdam hat sich gegen den Käsehobel entschie­den. Man will eine Theatergruppe erhalten, und von den drei Tanzcompagnien nur eine. Dann heißt es, man könne doch mal über Fusionen reden, aber mit viel weniger Geld! Die Rotterdamse Schouwburg wird von der Stadt dabei als wichtiger Gesprächspartner angesehen, um sich in diesen Entscheidungen zu beraten.

TH Ein sehr zwiespältiges Vergnügen: Einerseits kann man vielleicht etwas retten, ist aber auch in der Verantwortung für alles, was wegfällt.


Vanackere So ist es! Ja, aber selbst wenn am Ende die Stadt entscheidet, sollte man sich eigentlich hüten, seine Vorlieben zu formulieren!

Das Polder-Modell …

TH Aus deutscher Struktur-Perspektive erscheint das niederländische Theatersystem extrem vernetzt bis verfilzt. Ein deutschsprachiges Stadt- oder Staatstheater hat in der Regel – oder sollte haben – ökonomische Planungssicherheit durch die öffentlichen Zuschüsse der theater tragen-den Kommune oder des Landes, und die Politik entscheidet nur alle fünf bis sieben Jahre über den jeweiligen Theaterleiter. Dazwischen soll sie sich raushalten. In den Niederlanden dagegen herrscht ein permanentes Verhandeln. Es gibt die unterschiedlichsten Fördertöpfe, die sich ergänzen und miteinander koordiniert werden müssen. Es müssen permanent parallel Anträge bei Kommunen und Ministerium gestellt werden, dann müssen sich die jeweiligen Entscheidungsträger treffen, absprechen und abstimmen. Das führt doch automatisch zu Gekungel und Geklüngel, zu Interessenkonflikten zwischen Künstlern als Antragstellern und in beratenden Gremien, und jeder weiß, dass er spätestens bei der übernächsten Verhandlungsrunde wieder auf den anderen angewiesen ist. Alle hängen irgendwie zusammen.

Vanackere
Was Sie beschreiben, ist das «Poldermodell».

TH Das trockengelegte Meer?

Vanackere Genau! Und es müssen alle zusammenarbeiten, um das Land zu gewinnen und zu bewahren. Das ist tief in der DNA der Holländer verankert.

TH Holländer finden das normal?

Vanackere Die Holländer finden es sehr normal, dass man so eng verbunden, so voneinander abhängig ist. Zum Beispiel Jurys: Der Fonds Podiumkunsten hat auch ein internationales Töpfchen, und da gehörte ich zur Jury. Und hatte natürlich selbst Anträge für mein Festival gestellt. Als über die geredet wurde, bin ich zwar kurz auf den Korridor rausgegangen, aber wer über die anderen entscheidet, entscheidet indirekt auch über sich. Trotzdem kommt dabei manchmal gute Kunst heraus.

TH Polder haben ja auch ihre guten Seiten.

… mit seinen Kaveln

Vanackere Natürlich, man braucht sie, um das Land zu bewahren. Aber man muss es wieder deut­licher entflechten, denn sonst schützt jeder nur seinen Bereich. Dafür gibt es noch ein anderes ty­pisch holländisches Wort, «verkavelen». Ein «Kavel» ist ein kleines Grundstück, auf dem man nur ein Haus bauen kann. Jeder hat dann sein kleines Fleckchen oder Töpfchen und hütet es eifersüchtig. Auch das müsste man ändern. Hinzu kommt, dass die Niederlande ein sehr bürokratisches Land sind. Das ist Belgien zwar auch, aber die Belgier sind laxer, die nehmen die Regeln nicht so ernst.

TH Mehr die italienische Variante?

Vanackere Ein bisschen, ist auch nicht immer gut. Das Problem ist aber: In der jetzigen Situa­tion, in der vergifteten Atmosphäre durch die Rechtspopulisten, kann man nicht vernünftig darüber reden. Jetzt muss man retten, was noch zu retten ist.

TH Und wie ist da jetzt der Stand? Ist alles beschlos­sen oder gibt es noch Verhandlungsspielraum?

Vanackere Am 10. Juni kam das Schreiben des Ministeriums wie ein Donnerschlag. Es hat dann nach dem ersten Schock ein bisschen gedauert, bis sich der gemeinsame Widerstand organisiert hat. Die Verfilzung hat hier nicht unbedingt geholfen, im Gegenteil: Manche haben versucht, ihr Kavel zu retten. Es kam dann zu einem Protestmarsch von Rotterdam nach Den Haag, den Johan Simons eröffnet hat. Das hat alles nichts gebracht, auch wenn die Solidarität zwischen den jungen Künstlern herzerwärmend war. Dann kamen die Sommerferien, und jetzt will man auch zusammen mit den Gewerkschaften noch einen neuen Anlauf unternehmen. Ich fürchte aber leider, das wird nichts Wesentliches ändern.

TH Wenn die Kürzungen voll umgesetzt werden, was würde das konkret für Ihr Theater, die Rotterdamse Schouwburg, bedeuten?


Vanackere Kein Produktionshaus mehr, kein Internationales Festival mehr, etwa 25 Prozent weniger Produktionen und Aufführungen, aus drei Tanzcompagnien wird eine, und wie man dann das Haus lebendig erhalten soll, ist die Frage. Aber ich will mir das noch gar nicht vorstellen.


Eva Behrendt, Franz Wille / Theaterheute / Seite 36 / Oktober 2011

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