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Stücke 2012

«Blut ist dicker als Wasser»
Till Briegleb
Interview mit Till Briegleb, Sprecher des Auswahlgremiums: über Wackelkandidaten und Ausnahmetalente im Wettbewerb

Herr Briegleb, mancher Mülheimer wird enttäuscht sein: Elfriede Jelinek, in den letzten 25 Jahren 15 Mal eingeladen, schien schon ein Dauerabo für Mülheim zu besitzen. Nun ist sie nicht unter den Ausgewählten. Haben die Jungdramatiker sie doch noch überholt?
Nein, Elfriede Jelinek ist immer gut. Aber sie fiel mit ihrem Stück «Kein Licht» in diesem Jahr schon früh raus, weil man sie immer auch in Relation zu ihrem eigenen Werk sehen und beurteilen muss. Sie drang mit ihrem neuen Stück einfach nicht dorthin vor, wo sie sonst politisch und privat eindringt. Und auch die Inszenierung von Karin Beier fanden wir, wenn man das so sagen darf, «larifari». Ich bin sicher: Elfriede Jelinek wird es verschmerzen können.

Dafür wird ein ebenso berühmter und kontrovers diskutierter Schriftsteller aus Jelineks Generation teilnehmen: Peter Handke. Das ist vor allem deshalb eine Überraschung, weil er sich dem Wettbewerb 2005 verweigerte, als er mit «Untertageblues. Ein Stationendrama» eingeladen war.
Ja, es freut uns besonders, dass er diesmal teilnimmt. Man kann über Handke viel Kritisches sagen, seine Begeisterung für Serbien ist wirklich etwas schwierig. Dem Stück «Immer noch Sturm» muss man aber zugute halten, dass er darin sehr genau erzählt, wie sich unterschiedliche Konstellationen und Konflikte in Familien entwickeln – schweißt eine lebensgefährliche Situation wie der Krieg zusammen oder fällt alles auseinander? Das Stück einzuladen war bei uns nicht unumstritten. Handke fällt in seiner Sprache ein stückweit aus der Gegenwart, man muss über viele Klippen hinaus: das Pathos, die ewigen neuen Anfänge, die langen Monologe. Aber letztlich war klar, dass Handke auf jeden Fall dabei sein muss.

Was ist Ihnen beim Lesen der Stücke aufgefallen? Gibt es Gemeinsamkeiten?
Die Auswahlsprecher bemühen sich ja jedes Jahr, Parallelen zwischen den Stücken zu finden. Ich glaube aber, das gemeinsame Thema war noch nie so klar und offensichtlich wie in diesem Jahr. Dieses Thema ist komischerweise die Familie. Früher dachte man, dass dorthin nur Autoren ausweichen, wenn sie sonst nichts mehr zu sagen haben. Die gute Nachricht aber ist, dass die vier der sieben Stücke, die sich ganz explizit mit Familienkonstellationen beschäftigen (auch die anderen drei haben zumindest deutlich mit Beziehung zu tun), die Familie nicht zum neuen Nest in der Orientierungslosigkeit machen. Sie setzen sich sehr kritisch mit ihr auseinander. Nicht in absoluter Ablehnung, aber doch mit politischem und sensiblen Blick darauf, was «Familie» heute in der Gesellschaft eigentlich bedeutet.

Natürlich sind wir beim Lesen auch auf ganz andere Themen gestoßen: Es gibt Stücke über die Finanzkrise, über Konflikte der Wissenschaft, über Aberglauben und Schwulsein, Nazischuld, Medien und Krieg. Aber offensichtlich führt die Beschäftigung mit dem Phänomen, dass Blut dicker als Wasser ist, im Moment zu den produktivsten Diagnosen.

Was halten Sie in diesem Jahrgang noch für bemerkenswert?
Es schlägt sich zwar nicht deutlich in unserer Auswahl nieder, aber: Unter den Nachwuchsautoren sind besonders viele Frauen, die Talent zum Stückeschreiben haben.

Wie schwierig war der Prozess, aus diesmal 123 Uraufführungen die sieben besten Texte auszuwählen? Wie beurteilen Sie den Jahrgang?
Der Jahrgang ist nicht der stärkste und der Prozess war schwierig. Bei drei oder vier Kandidaten waren wir uns schnell einig, bei Nummer fünf waren wir uns dann noch relativ einig – um sie herum positionierten sich eine Menge Texte, über die wir allerdings nur mit Bauchgrummeln gesprochen haben. Wir haben lange diskutiert. 



08.03.2012 Barbara Behrendt

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