kultiversum Startseite
Noch nicht angemeldet?   Registrieren

  |   Passwort vergessen
Warenkorb
produktionen

china blues
Seit zehn Jahren ist Xin Peng Wang Ballettdirektor in Dortmund, aber von Asiatica hat er bislang die Finger gelassen. Jetzt bringt er mit «Der Traum der roten Kammer» ein Nationalepos seiner Heimat auf die Bühne

Schon wieder China. Seit einiger Zeit räumt das Riesenreich die namhaftesten Kulturpreise ab: Literaturnobelpreis, Friedenspreis des deutschen Buchhandels, davor Friedensnobelpreis. Es hat mit Ai Weiwei einen der meistdiskutierten bildenden Künstler der Gegenwart, und die schönste Frau der Welt kommt derzeit ebenfalls aus China. Fast könnte man meinen, die westliche Angst vor der aufstrebenden Weltmacht wird mit Belobigungen therapiert, auch wenn die politische Haltung des Ausgezeichneten stets aufmerksam beäugt wird: je mehr Dissident eine(r) ist, desto besser, denn das Label «Menschenrechte» tut auch der Kunst ganz gut. Doch für die international arbeitenden chinesischen Künstler heißt das: Irgendwer ist immer verärgert. Sind sie kritisch, werden sie daheim geächtet. Bleiben sie neutral, meckert das Ausland. Ein Dilemma.

«Der Roman ‹Der Traum der roten Kammer› hat für Chinas Kultur einen ähnlichen Stellenwert wie Thomas Manns ‹Buddenbrooks› für Deutschland», lautet derzeit ein Werbeslogan, mit dem das Ballett Dortmund seine neueste Produktion anpreist. Dennoch hinkt der Vergleich, denn das Lübecker Sittengemälde kann offensichtlich kaum konkurrieren mit der Popularität seines vermeintlichen Pendants aus Fernost.

Theaterfassungen, Comics, zahlreiche Verfilmungen, darunter eine Erotikversion, Popsong-Lyrik – dieser «Traum der roten Kammer» ist gleichermaßen Teil des Mainstream wie sakrosanktes National-epos, dessen Adaptionen von den «Rotologen», einer eigenständigen literaturwissenschaftlichen Forschungsrichtung, streng überwacht werden. Das unvollendet gebliebene Textfragment über den Niedergang einer mandschurischen Großfamilie gilt als Gipfel chinesischer Romankunst: Befremdlich in seiner Poetisierung der Welt, verblüffend realistisch in der Komplexität der Charaktere – und mit über 400-köpfigem Personal in unüberschaubar vielen Episoden grotesk aus-ufernd. Kurz: für ein Ballett komplett ungeeignet.

Das China des 18. Jahrhunderts in Dortmund: Zur Musik von Kintopp-Komponist Michael Nyman wird von der Brandmauer aus langsam eine prachtvolle Palast-Szenerie herangefahren (Bühne: Frank Fellmann, Kostüme: Han Chunqi). Rotgolden geschmückte Säulen, ein Thron mit reich kostümiertem Herrscher darauf, eine Schar Bediensteter zu seinen Füßen – eingefroren über Jahrhunderte. Dann ein erster Tanz der Frauen: Behutsam bewegen sie sich auf ihren Spitzenschuhen, kleine Schritte, langsame Beinhebungen, die Körper in pastellfarbene Kleider mit meterlangen Ärmeln gehüllt, deren Stoffbahnen die Tänzerinnen in die Luft schießen lassen wie züngelnde Flammen. Ein wunderbarer Einstieg ins Historien-Epos, das dem Dortmund-Chinesen Xin Peng Wang hier gelingt. Mit der Hommage ans ferne Heimatland will er nicht zuletzt sein 10-jähriges Jubiläum als Ballettdirektor begehen. Nostalgische Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln? Wang selbst wirkt schnell gequält, wenn man ihn auf seine Herkunft anspricht. Deshalb lanciert der sympathisch rührige Kompanie-Manager Tobias Ehinger, dem gerade der «Tanzpreis Anerkennung» zugesprochen worden ist, ein paar Details aus dem Leben seines Chefs: einst Solist in einer Elitetruppe von Mao Tsedongs Ehefrau und Student der Peking Dance Academy, später Demonstrant auf dem Tiananmen-Platz, wo die Regierung das rebellierende Volk mit Panzern niederwalzen lässt. Da aber hat Wang schon die Einladung für ein Zusatzstudium an der Essener Folkwang Hochschule in der Tasche. So reist er 1989 nach Deutschland, entschlossen, seiner Heimat nach dem Massaker für immer den Rücken zu kehren. Was auch bedeutet: Wang wird Persona non grata in China. Wang leide darunter, dass er dort praktisch nicht mehr existiere, sagt Ehinger.

Anrührend eigenwillig
In Deutschland – so scheint es jedenfalls – hat sich Wang ästhetisch längst assimiliert. Er benutzt meist klassisches, manchmal Folkwang-modernes Bewegungsvokabular, das nichts von fernöstlichen Wurzeln ahnen lässt. In seinem Œuvre finden sich ein «Schwanensee», ein originell ins Kaufhaus verlegter «Nussknacker», auch ein psychologisch fein nuancierter «h.a.m.l.e.t.». Er choreografiert zu Bach, Mozart, Strawinsky, Pärt – und darf wundersamerweise 2001 mit dem chinesischen Nationalballett arbeiten. Der Kinoregisseur Zhang Yimou lädt ihn ein, für seinen (später preisgekrönten) Erfolgsfilm «Die rote Laterne» zu choreografieren. In Dortmund aber hält sich Wang lange von jeder Chinoiserie fern, obwohl seine Mitarbeiter ihn immer wieder gerade darum bitten.

Ein Mann zwischen zwei Frauen. Die eine liebt er, die andere heiratet er, mehr versehentlich als willentlich. Eine unglückliche Lovestory mit den üblichen tödlichen Folgen – das ist fast schon alles, was der österreichische Dramaturg Christian Baier in der Romanvorlage gefunden hat. Monica Fotescu-Uta gibt die Rolle der ‹wahren Liebe›. Technisch fein auf Spitze, aber allzu klischiert – ebenso gut könnte sie eines dieser konventionell verzückten Giselle-Odette-Dornröschens sein. Erst wenn sie sich schwindsüchtig zu Tode tanzt und jedes Relevé zugleich einen Fall nach vorne bedeutet, gelingt ihr anrührende Eigenwilligkeit. Auch aus dem wie üblich heroisch-schön tanzenden Mark Radjapov lässt sich trotz Langhaar-Dutt partout kein naiv-asiatischer Jüngling zwirbeln. Weder wird vom standesgemäßen Söhnchen-Snobismus der Romanvorlage erzählt, noch von dessen pubertär-erotischen Visionen. Bei Xin Peng Wang lupft von Anfang an ein eleganter Galan die Damen in sylphidische Lüfte, und die läuternde Via dolorosa zur Lebensweisheit scheint bei einem so selbstlosen Kerl doch ziemlich unnötig.

Interessanter dagegen wirkt die choreografische Substanz in den Ensembleszenen. Hier setzt Wang kluge Crossover-Akzente: Er zitiert die künstlichen Gesten der Peking Oper, schraubt die Dramatik mit Kampfkunst-Elementen hoch und zeigt die Gewalt der Masse mit spektakulärem Asien-Showtanz, wenn die Tänzer mal mit wabbeligen Leuchtstäben, mal mit Bändern hantieren. Auch einem Stein, der einzig rätselhaften Chiffre aus Baiers Dramaturgen-Fantasien, verleiht Wang mit einer Kombination von ruckelndem Breakdance und Tai-Chi-Harmonie eine eigentümliche Faszination. Wangs «Traum der roten Kammer» ist also ein Ost-West-Transfer, eine Integrations-Version.

Nicht Märchen, auch nicht provokant
Doch wie hält er es nun mit der Partei? In Akt III erteilen Baier & Wang dem Publikum eine Geschichtslektion im Zeitraffer: Wie auf dem Laufsteg ziehen Soldaten in wechselnden Kostümen vorüber. Mao lacht in einer verwackelten Videoprojektion, Menschenmassen – mal euphorisiert, mal niedergeknüppelt. Das Corps de ballet erscheint mit Mao-Bibeln über dem Herzen, dazwischen ein paar niedergedrückte Gestalten mit Schildern um den Hals, offenbar sogenannte Konterrevolutionäre, die am Pranger stehen. Alles wird mit quasi-demokratischer Gleichwertigkeit präsentiert, oder hat man im rasenden Tempo dieser Szene den entscheidenden Moment womöglich verpasst?

Xin Peng Wang ist ein ernster, sensibler Typ – kein Krawall-Künstler. Dieses Jahr will er mit seiner Produktion nach Hongkong reisen, um sie mit dortigen Tänzern einzustudieren. Es bleibt der Eindruck: Seine «Rote Kammer» ist ein Kompromiss – nicht zu provokant für China, nicht bloß märchenhaft für Deutschland. Immerhin: Für einen kurzen Moment waren sie da, die Opfer des Regimes. Nicht als politisches Statement. Aber als Signal, dass nichts vergessen ist.

Wieder am 9., 22. Febr., 24. März, 4., 11., 26. Mai, 1. Juni theaterdo.de

Zum Video


Nicole Strecker / Tanz / Seite 16 / Februar 2013

Weitere Artikel aus diesem Heft

9,90 €
In den Warenkorb

Bei Lieferungen innerhalb Deutschlands zahlen Sie bis zu einem Bestellwert von 25 EUR pauschal 2,50 EUR Versandkosten. Ab einem Bestellwert von 25 EUR liefern wir die Ware versandkostenfrei.

Bei Lieferungen außerhalb Deutschlands zahlen Sie bis zu einem Bestellwert von 50 EUR pauschal 4,90 EUR Versandkosten. Ab einem Bestellwert von 50 EUR liefern wir die Ware versandkostenfrei.


Wie kann ich kommentieren?
Nachricht schreiben!


Betreff:
Tanz
Carmen
Dada Masilo hat sich den nächsten Klassiker vorgenommen. Viele Tanz-Kritiker waren empört - der «tanz»-Rezensent war begeistert. Weiter
E-Paper Tanz 12/14
Das E-Paper der Dezember-Ausgabe von «tanz» ist da. Das vollständige E-Paper steht allen registrierten Abonnenten ab sofort zur Verfügung. Weiter
Mythos
Wieder ab 26. November: Der Ballettabend von Oliveira, Plegge und Mannes Weiter

Service
Aktuelle Tanz-Auditions und Jobs
25. November 2014: Termine und Adressen internationaler Auditions
Im Fokus in Mülheim
Meist gelesen
Aktuelle Tanz-Auditions und Jobs 25. November 2014: Termine und Adressen internationaler Auditions Weiter
gardenia Kultiversum verlost 5 mal 2 Karten für die Premieren in Hamburg, Berlin und Köln Weiter
tanztanz
tanz Jeden Monat das Wichtigste zur neuen Ausgabe von tanz vorab – und zu den Themen, die tanz bewegen.
Bestellen



Kontaktanfrage





Beitrag melden!


Geben Sie hier eine Begründung an, warum Sie hier einen Inhalt bedenklich finden (z.B. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Anstiftung zu einer Straftat). Vielen Dank! Ihr kultiversum-Team





Setzen Sie Ihren Bookmark!