Spurensuche bei der 20. «euro-scene»: Wie lädt man gern gesehene Gäste aus 20 Jahren Festival ein, ohne den Blick aufs Gestern zu richten?»
Mit einer «Spurensuche». So nannte es jedenfalls die Direktorin Ann-Elisabeth Wolff. Was 1991 mit vier Tagen Spieldauer und als Experiment begann, hat sich längst als das wichtigste Podium für Tanz und Theater in den neuen Bundesländern etabliert.
An sechs Tagen bot es diesmal zwölf Gastspiele aus zehn Ländern in 25 Vorstellungen und neun Spielorten, zog 7500 Zuschauer an, Auslastung: fast 98 Prozent. Dem Thema Osteuropa widmete sich ein Symposium, «Ost-West-Passagen». Es fragte nach Impulsen aus dem Osten und zog eine bittere Bilanz: Waren vor dem Mauerfall Theater und Tanz aus dem Osten ein Exotikum im Westen, wanderten danach die Arrivierten Ost nach Westen. Es blieb Dürre zurück, vor allem, was die Innovationskraft betrifft.
So war auch auf der euro-scene der Westen vorn. Alain Platels «Out of context – for Pina» machte den Auftakt. «Empty moves», Angelin Preljocajs Reflexionen zu einer Lesung von John Cage in Mailand 1977, bildeten den Schlusspunkt. Nur 15 Minuten dauerte Romeo Castelluccis «Storia contemporanea dell’Africa. Vol. III». Von seinen Kindern lässt sich der Italiener wie in einen Sarg in eine rituelle Plastik einsperren, um sie dann in Bethaltung aufrichten: Nicht Blut weint sie, weißer Schaum tropft ihr aus dem Mund. Europas Abbitte an einen leergeplünderten Kontinent? Eine Frontalattacke reitet Pippo Delbono mit «La menzogna». Einen Brand im ThyssenKrupp-Werk Turin, bei dem 2007 mangels Sicherheit sieben Arbeiter zu Tode kamen, nutzt er für eine Generalabrechnung mit dem Kapitalismus. Das Leben spielt sich zwischen Spints und Käfigen ab, in der Mitte gähnt der showhafte Schlund, der Arbeiter schluckt und ausspeit. Delbono kommentiert, pomadisiert sich zum Chef, Typ Berlusconi, führt die geilen Nutznießer des «Systems», darunter zwei Geistliche, vor. Ihnen gegenüber stellt er, wen er nicht zur «Lüge» rechnet: Ex-Obdachlose, eine Taubstumme und einen Jungen mit Down-Syndrom, seit langem Mitglieder seiner Crew. Sie nackt zu zeigen: Das ist die Wahrheit.
Zynisch enttarnt auch der Belgier Johan Simons in «Twee stemmen» die Gier nach Macht, nutzt Texte von Pasolini. An einer Tafel entlarven sich Vertreter des «Systems» als divergente Charaktere, einig nur im Streben, an der Spitze zu bleiben. Der 90-Minuten-Monolog lebt von Jeroen Willems’ grandiosem Spiel, sarkastischem Wortwitz, typisierender Gestik. Dem das Nichts feiernden Intellektuellen, dem Politmafioso, dem Schmierigen vom Aufsichtsrat, der feilen Edeldirne, dem willfährigen Kleriker verleiht er gespenstisch Kontur. In der Apologie eines realen Managers zur scheinbaren Ohnmacht der Wirtschaft verkehren sich die Werte einer Gewinn maximierenden Gesellschaft endgültig.
Und aus dem Osten? Über eine Zustandbeschreibung nicht hinaus kam die «Prophezeiung 20/11» über die Lethargie von Jugendlichen: Philip J. Neumanns Auftragswerk fürs Festival strandete als bewegte Installation. Dazu gab's Gastspiele von Ivo Dimchev aus Sofia um die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und dem Nationaltheater Kosovo, Prishtina, nach einer Vorlage Ionescos.
Aber auch einer der schönsten Beiträge kam aus Osteuropa: Alvis Hermanis’ «Sonja», die Geschichte einer tragikomischen Liebe, ohne Dialoge, nur ein Bild, wie es der Regisseur aus Riga fand. Und dann ist da noch Ann-Elisabeth Wolffs Gespür für zauberhafte Kinderstücke wie das indische Schattenspiel «Savitri» des Theaters Lišeň aus Brno über die Kraft der Liebe. Womit sie beweist, dass der nicht mehr exotisch wirkende Ex-Osten immer noch etwas mehr zu bieten hat, als es der alte Westen denkt. Auch deshalb ist das Festival zumindest bis 2012 finanziert.