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editorial

sexualität

taugt hervorragend zum Skandal. Nur als Skandal ist sie in unserer Gesellschaft öffentlich verhandelbar. Bieder ist der Fehltritt, an dem sich das Publikum er­götzt; ethisch skandalös ist der Fehlgriff beim Umgang mit Kindern. Was in den letzten Monaten die Schlagzeilen bestimmte, entsprach der alten Schule des Dramas: Höchste moralische Fallhöhe kam über die Schulen, vor allem die reformierten. Die Kirchen, gerade die Unreformierbaren, vergehen sich an der vorbewussten Sexualität von Kindern. Mit großem Misstrauen wird beobachtet, wenn der Lehrer einer Schülerin über ein Turnpferd hilft. An ein Wunder grenzt es, dass sich der starre Kamerablick der Öffentlichkeit nicht längst auch in Ballett­studios installiert hat. Denn gerade das Training und der Unterricht, schlimmer noch die Einzelarbeit am Körper, ist die ideale Gelegenheit, Schutz­befohlene unter dem Vorwand der Korrektur in höchste sexuelle Verlegenheit zu bringen (Seite 38).

Dass die Öffentlichkeit so schwer oder zu spät zu Hilfe eilt, liegt an der dop­pel­ten Sicherung der Sexualität. Sie ist tabu. Und sie ist mit Scham bedeckt. Beides schützt die Intimität. Mag man wie Christoph Quarch die «Orgien der Toleranz» dieser ­Gesellschaft – die Duldung jeglicher Exzesse – auf der Tanzbühne als ein Indiz für eine schamlos pornogra­fische Welt halten (Seite 30), stellt sich doch die Frage: Was ist so falsch an unseren verschiedenen Sexua­litäten? Man kann sie, wie in Skandi­navien, per Gesetz auf die strikte Monogamie beschränken und beispielsweise Prostitution verbieten. Man kann sie im Namen der Aufklärung auch enttabuisieren, was etwa eine Trans­sexuelle wie Vanessa Van Durme tut, die mit Alain Platel aus ihrer sexuellen Wand­lung ein Tanztheater gemacht hat, das gefahrlos ist, weil ihr Thema längst die Talkshows erreicht hat (Seite 36). Doch was nicht ins Fernseh­format passt, bleibt hinter Gittern. Hier arbeitet der Cho­reo­graf Fabian Chyle mit Sexualstraftätern. Die körperliche Deformation, die er dort entdeckt, zeigt die gewaltige Kraft, mit der die Sexualität auf den Körper wirkt (Seite 44).
Ihre tanz-Redaktion


/ Tanz / Seite 1 / August 2010

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