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Praxis

Royston Maldoom
Royston Maldoom fordert Disziplin. Jacalyn Carley über die umstrittenen Thesen des berühmten britischen Tanzpädagogen. Ein Vorabdruck

Das Wort «Disziplin» löst gemeinhin keine Euphorie aus. Statt an so bedeutende Persönlichkeiten wie Gandhi, Martin Luther King und Nel­son Mandela denken wir dabei eher an autoritär auftretende Paragrafenreiter, die Regeln dazu nutzen, aufsässige Schüler zu bändigen, Mitmenschen zu bestrafen und auszugrenzen, Ordnung um der Ordnung willen durchzusetzen oder gar die Massen zu manipulieren. Sowohl auf der zwischenmenschlichen als auch auf der politischen und militärischen Ebene gibt es genügend Negativbeispiele. So schrecken viele Eltern, Sozialarbeiter und Lehrer davor zurück, Disziplin auszuüben, sei es nun aus Angst vor Konflikten, aus historischen Gründen oder weil sie es ablehnen, Hierarchien aufzubauen. Wenn die Fälle von Missbrauch die positiven Vorbilder verdrängen, geraten die persönlichkeitsstärkenden Aspekte sinnvoller Disziplin aus dem Blick.

Könnte es sein, dass wir diesem «D»-Wort gegenüber einfach zu viele Vorurteile angesammelt haben? Man muss nur einmal beobachten, wie und warum Disziplin zum Einsatz kommt. Wenn wir die tragende Rolle, die Disziplin im Alltag spielt, ganz unvoreingenommen anerkennen, lassen sich einige Unklarheiten ausräumen. Sobald wir nicht mehr nur das Negative sehen, schaffen wir Raum für eine lebhafte, gesunde Debatte über Wege und Mittel, wie Disziplin am besten angewendet werden kann.

Wie viele andere ist Royston Maldoom der Ansicht, dass der Mangel an Disziplin, klaren Grenzen und festen Strukturen zu den größten Problemen der heutigen Jugend gehört. Obwohl die meisten wohl zustimmen würden, dass wir Disziplin brauchen, um uns weiterzuentwickeln und in der Welt bestehen zu können, drückt man sich vielfach noch davor, sie auch konsequent durchzusetzen. Um das Thema zu vermeiden (oder weil man den Aufwand scheut, für ein diszipliniertes Umfeld zu sorgen?), reden sich Erwachsene oftmals ein, dass die Probleme der Kinder sich von selbst lösen, dass es irgendwie «schon werden wird», wenn man nur Verständnis und Mitgefühl zeigt.

Manche Lehrer und Eltern umgehen Disziplin, indem sie ausschließlich auf positive Verstärkung setzen. Diese Taktik kann bei Heranwachsenden schnell Misstrauen auslösen und als unehrlich empfunden werden, wenn man sie für etwas lobt, von dem sie selbst wissen, dass sie es noch besser können. Kinder sind nicht dumm. Erkennen Sie es zusammen mit ihnen an, wenn etwas nicht gut war. Umso bestärkter werden sie sich fühlen, wenn ihnen etwas gelingt, das ihnen ehrliches Lob einbringt. Roystons Ansicht nach ist es wichtig zu unterscheiden, was Kinder nicht können und was sie nicht tun wollen, weil es neu und komisch ist oder weil sie glauben, es nicht gut zu können. Vertrauen Sie dem Potenzial der Kinder, vertrauen Sie Ihrer eigenen Fähigkeit, das Beste aus ihnen herauszuholen.

Viele Menschen haben eigentlich ein gutes Gespür für Disziplin, empfinden es aber als seltsam und ungewohnt, sie auch auszuüben. Das kommt nicht von ungefähr. Heutzutage wird jungen Menschen gern vorgegaukelt, dass Erfolg einem in den Schoß fällt – man denke nur an beliebte Fernsehshows wie die Sendung «Let‘s Dance», bei der ein paar Wochen Unterricht zu genügen scheinen, um wie von Zauberhand zum Star zu werden. Schlimmer noch, es gilt als erstrebenswert, einfach nur berühmt zu sein: Viele Prominente leisten heutzutage eigentlich gar nichts, was der Jugend den Eindruck vermittelt, dass Erfolg schlicht bedeute, überall präsent zu sein. Auch wenn man als Choreograf oder Lehrer theoretisch weiß und fest daran glaubt, dass jedes Kind Disziplin braucht, um seine Ziele zu erreichen und sich im Leben zu behaupten, kostet es viel Zeit, Tag um Tag auf die Einhaltung von Regeln zu pochen und Störenfriede in die Schranken zu weisen. Ein diszipliniertes Umfeld zu schaffen kann nicht nur ein anstrengendes, sondern auch ein einsames Unterfangen sein, an dem man immer wieder verzweifelt. Dennoch liegt es in unserer Verantwortung, Kindern Disziplin beizubringen, genauso wie wir ihnen ethische Werte, grundlegende Manieren und eine gesunde Lebensweise mit auf den Weg zu geben versuchen; all dies gehört zusammen.



Jacalyn Carley / Tanz / Seite 66 / Februar 2010

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