Bei der zweiten «Biennale Tanzausbildung» sagten ausgerechnet die vier deutschen Hochschulen mit klassischem Einschlag ab. Dorion Weickmann berichtet
Für eine Entdeckung, und sei sie noch so entlegen, ist der Mann immer zu haben. «Vor ein paar Monaten», erzählt Jason Beechey, Leiter der Dresdner Palucca-Schule, «hat mir eine Mitarbeiterin einen Text in die Hand gedrückt. Darüber stand ‹Tanzabstraktion›, und das Ganze las sich absolut zeitgenössisch.» Beechey rätselte, wer wohl diese knappen Direktiven zu Papier gebracht hatte: «In Knie kommen, Knie auseinander, Füße überkreuzen, hinsetzen, Knie hochziehen, Füße anziehen, Knie rechts seitwärts auf Boden, Hände gestreckt.» So wandert die Beschreibung eine knappe Seite von Stellung zu Stellung, bis die Anweisung folgt: «Den ganzen Tanz ‹tranceartig› tanzen, Gesichtsausdruck vollkommen gleichmäßig, möglichst nicht starr. Überlegen und sehr ruhig.»
Schließlich lüftete die Kollegin das Geheimnis: «Als sie sagte, dass Palucca persönlich das gearbeitet und aufgeschrieben hat, war ich wirklich verblüfft. Für mich klang das total nach Gegenwart.» Der Kanadier beschloss, das Detektivspiel mit seinen Schülern fortzusetzen, und zwar als praktische Übung im Rahmen des Master-Studiengangs Choreografie. Das Ergebnis des Experiments wird bei der «Biennale Tanzausbildung» Anfang März zu sehen sein – sechs Variationen, sechs Anverwandlungen eines Solos, das Gret Palucca 1923 verschriftlicht hat, ohne Bild, ohne Ton, ohne auf irgendeine Notation zurückzugreifen.
Rekonstruktion ist das Thema dieser Veranstaltung, die Anfang März in in Essen an der Folkwang-Universität und im PACT Zollverein stattfindet. Verabredet haben es die Direktoren der zehn deutschen staatlich anerkannten Tanzakademien schon vor zwei Jahren, als sich Studierende und Lehrende zum ersten Mal zusammenfanden, um über den Tellerrand der eigenen Institution hinauszuschauen. Das Treffen in Berlin 2008 war ein voller Erfolg und hat, wie Beechey meint, «den Kontakt zwischen uns gestärkt, uns ungemein bereichert und dafür gesorgt, dass wir Profile, Stärken und Schwächen besser einschätzen können». Was in der Praxis beispielsweise bedeute, «dass wir in Dresden einen Bewerber schon mal gezielt woanders hinschicken, wenn wir meinen, da wäre er besser untergebracht».
Gleichwohl beginnt der zweite Biennale-Durchgang mit einem Wermutstropfen. Vier Hochschulen werden nicht nach Essen reisen, was vor allem im Blick auf künftige Treffen bedauerlich ist. Denn in der zweiten Runde geht es ums Ganze, sprich: um die Finanzierung weiterer Hochschulgipfel. Wenn der «Tanzplan Deutschland» Ende des Jahres ausläuft, fällt nicht nur ein wichtiger Impulsgeber, sondern auch ein maßgeblicher Sponsor des überregionalen Austauschs weg. Ingo Diehl, der beim «Tanzplan» die Ausbildungsprojekte verantwortet, hofft, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung in die Bresche springen wird. Also wäre es für die ministeriale Evaluation förderlich gewesen, hätten sich alle Hochschulen in Essen blicken lassen.
Das wissen wohl auch die vier, die ihre Teilnahme abgesagt haben – die Ballettakademie der Münchner Hochschule für Musik und Theater (Heinz-Bosl-Stiftung), die Ballettschule des Hamburg Balletts, die Staatliche Ballettschule Berlin und die Stuttgarter John Cranko-Schule. Wer mit ihren Führungskräften spricht, hört ein wenig schlechtes Gewissen und eine große Portion Bedauern heraus, weil das Biennale-Gastspiel anderweitigen Verpflichtungen oder allzu verlockenden Alternativen zum Opfer gefallen ist. Statt in Essen anzutreten, werden die Berliner im kleinen, fernen Zwickau gastieren, die Hamburger präsentieren lieber zu Hause eine Woche lang choreografische Erstlinge aus der eigenen Abschlussklasse, und die Stuttgarter hängen am Terminplan der Mutterkompanie. In München ist nach dem Tod von Stiftungsvorstand Fred Hoffmann die organisatorische Lage offenbar so angespannt, dass gerade mal die dringlichsten Geschäfte bewältigt werden. Als Boykott wollen die «Big Four» ihre Absagen aber nicht verstanden wissen: «Die Biennale ist wichtig, keine Frage», sagt Marek Rózycki von der Staatlichen Ballettschule Berlin, «und wir hatten zur Vorbereitung schon Maja Plissezkaja gebeten, mit einigen unserer Leute den ‹Sterbenden Schwan› einzustudieren.» Doch vor die Wahl gestellt, mit zehn Schülern nach Essen oder mit hundert nach Zwickau zu fahren, «haben wir uns schließlich gegen die Biennale entschieden». Zumindest ein paar Berliner Dozenten werden gen Westen ziehen, um das Geschehen rund um Folkwang zu beobachten.
Die Abwägungen in den Chefetagen verdeutlichen, dass die Hochschulen ihre Einzelinteressen nach wie vor sorgsamer pflegen als eine gemeinsame, auch kulturpolitisch schlagkräftige Plattform. Was einigermaßen kurzsichtig anmutet, denn über alle Unterschiede hinweg ähneln sich die Probleme. Die Umstellung von Diplom- auf Bachelor- und Master-Studiengänge etwa ist auch jenseits föderaler Prämissen kein leichtes Unterfangen. Hier hat sich die «Ausbildungskonferenz Tanz» bewährt, zu der die Direktoren seit 2008 mehrfach zusammengekommen sind: «Dazu bekennen sich alle nachdrücklich», versichert Diehl, «aus diesem Prozess will keiner ausscheren.»