Im Theater am Domhof entrollt Nanine Linnings «Synthetic Twin» die Geschichte der Menschheit: neue Termine in Osnabrück.
Kulinarisch kommt man zumindest nach der Vorstellung auf seine Kosten. «Knabbern Sie zu zweit an einem!», heißt es da auf einem Schild, und alle greifen nach den doppelköpfigen Plätzchen. Das Gebäck ist mit viel Liebe zubereitet. Noch kurz vor Vorstellungsbeginn knetet Dance Company Theater Osnabrück Nanine Linning, wie sich das Nachfolge-Ensemble von Marco Santi jetzt nennt, im Theater am Domhof so lange den Teig, bis die Leichtigkeit des Seins den Zuschauer ergreift.
So locker ging schon lange niemand mehr zur Sache. Diese Sache ist in Osnabrück die Menschheitsgeschichte selbst, die sich eine Stunde lang evolutionär vor den Augen des Publikums entwickelt. Dafür sorgen zu Beginn barocke Drucke, die als Projektion auf dem Rundhorizont erscheinen, und eingespielte Texte, in denen nicht nur von siamischen Zwillingen die Rede ist, sondern auch von anderen Monstrositäten wie aus einem Abnormitätenkabinett. Und dafür sorgen die zehn Tänzer, die sich in jene Kugelwesen verwandeln, von denen Aristophanes in Platons «Symposion» erzählt: amorphe, animalische Gebilde, von der Modemacherin Iris van Herpen in gummiartige Häute verschnürt, die ihr Menschsein allenfalls noch ahnen lassen.
Das «Mannweib» bleibt nicht lange ungeteilt. Ein Lichtstrahl scheint seinen Körper zu zerschneiden, und während Bilder einer Zellteilung über die weißen Wände flimmern, lösen sich einzelne Glieder aus dem Leib, als wollte er sich aus seiner Haut und damit von allen Extremitäten befreien. Aber nach wie vor drängt es den Menschen nach Vereinigung, darum handelt das neue Stück auch vom Hang zum Gesamtkunstwerk, das Nanine Linning collagenhaft choreografiert, Formen und Figuren fantasievoll kombiniert, Gesungenes von Claudio Monteverdi oder Georg Friedrich Händel mit elektronischen Klängen von Michel Jansen verquickt und der Aufführung stets jene Ambivalenz belässt, für die auch die synthetischen Zwillinge selbst geradestehen. Halbheiten gestattet sich die vielseitige niederländische Choreografin nicht. Das macht Hoffnung für ein Tanztheater, von dem man sich in Osnabrück die Öffentlichkeit erhofft, die es verdient.
Die Voraussetzungen dafür sind günstig: Die langjährige Hauschoreografin des Scapino-Balletts verzichtet trotz ihres Engagements in Deutschland nicht auf ihre Amsterdamer Kompanie. Damit scheint vorerst weltstädtische Kultur gesichert, die sich das unprovinzielle Publikum durchaus munden lässt.