«His pulse builds on a powerful motor drive», sagte George Balanchine mal über Igor Strawinskys Musik. Das hat den Bochumer Herausgeberinnen Monika Woitas und Annette Hartmann gut gefallen. Den Ballets-Russes-Komponisten als Rhythmiker einer echten «Körpermusik» lieben sie, weil er Schluss machte mit dem ephemeren Ballerino. Her mit der «Rhythmusmaschine Körper»! Fort mit der Geist-Körper-Trennung der Klassik! Im Anschluss eines dreijährigen Strawinsky-Projekts an der Ruhr-Universität liegt nun ein Sammelband vor, der beweisen will, dass der Tanz durch intellektuelle Verdammung des Körpers zum Schlusslicht der Künste wurde. Die Musik galt als vergeistigte Form von Welt – weshalb jede Näherung des bösen Tanzes an die Prinzipien der hehren Musik, trotz Strawinskys Meisterwerke wie des zuletzt von Stephan Thoss in Wiesbaden interpretierten «Sacre du printemps», gefälligst problematisch sein müsse. Aber ist der neoklassisch im Strom der Musik frei treibende Körper tatsächlich eine Zumutung? Für wen? Die Autoren bemühen alte Argumente von der rhythmisierten Beschleunigung der Industriewelt, auch Thesen aus der Neurowissenschaft. Beide bleiben dem Leser egal. Denn hier fließt über dem tiefen Grund der Fußnoten ein plätscherndes Bekenntnis zum Tanz: als ein zu rehabilitierender «motor drive» für alle Künste.
«Strawinskys Motor Drive»,
epodium Verlag, München 2009