Noch im Saal, direkt nach der Vorstellung, erklärt sich ein Kollege «unfähig, auch nur zwei Zeilen zusammenzureimen». Mein lieber Schwan! Der Herr muss den Tod mit aller Macht verdrängen. Wann sonst sieht man in 60 Minuten neun Menschen auf einer Tanzbühne sterben? Das gesamte Personal! Das kann man tragisch finden, pathetisch, schablonenhaft. Es hängt auch davon ab, aus welcher Position man die Todgeweihten begleitet. Eine weitläufige Arena wie das Pariser Théâtre de la Ville bietet nicht die bes-ten Voraussetzungen. Das Stück wurde auf das mittelgroße Studio in Montpellier zugeschnitten. Mathilde Monnier inszeniert wie immer Menschen im Alltag und räumt auf mit jeglichem Pathos. Wenn sie uns aber im Titel die vergilbten, ätherischen Szenen von Anna Pawlowa oder Maja Plissezkaja in Erinnerung ruft, ist der Bruch umso krasser. Wer war eigentlich mutiger, sie oder Michail Fokin? Der Russe wollte vor etwas mehr als einem Jahrhundert formellen Zwängen der Institution entkommen. Heute stößt es niemanden mehr vor den Kopf, wenn Interpreten das Sterben improvisieren. Aber Monnier überlässt nichts dem Zufall und schafft strikte Strukturen, mit fließenden, aber präzisen Übergängen zwischen Soli und Gruppe.
Ihr Echo auf Fokins Schwanen-Quickie spielt diese typische Mischung aus, zwischen flapsiger Ironie gegenüber der Tradition und formeller Recherche in aktuellen Mustern, wie immer, wenn Frankreichs Freibeuter der Ästhetik sich mit «L’Après-midi d’un faune» oder anderen Klassikern auseinandersetzen. Die Bedeutung von «Pavlova 3’23’’» schießt gar über diese Debatte hinaus, denn es fügt sich nahtlos ein in eine Reihe von Kreationen, denen man die Angst um die Zukunft der Tanzlandschaft von Weitem ansieht. «Die ganze Choreografie folgt dem Prinzip des Todes der Aufführung. Der Tod ist ihre rhythmische Struktur», sagt Monnier. Doch während es Fokin darum ging, in kürzester Zeit den Wunsch nach Unendlichkeit zu materialisieren, wird hier selbst der Abgesang aufgespalten wie in einem Kaleidoskop. Was auch für die Musik gilt, denn fünf Komponisten, darunter Heiner Goebbels, treten mit Camille Saint-Saëns in Dialog. Der Anfang verstört und fasziniert zugleich. I-Fang Lin setzt sich auf einen Stuhl und erzählt auf Chinesisch von ihrem Bezug zur Pawlowa und dem Schwan. Das komplexe Spiel ihrer Arme suggeriert, dass sie auch zur Originalmusik eine federnde Interpretation finden würde. Da braucht es keinen Dolmetscher. Cecilia Bengolea geht die Frage eher sportlich an, gerät dann in Panik und lässt sich vom eigenen Gewicht in den Strudel des Todes reißen. Der Schwerpunkt ihres Körpers liegt längst außerhalb. Interessant ist, dass die Frauen den Tod eher im Inneren suchen, während die Männer sich gern von außen abknallen lassen, mit Taser oder TV-Fernbedienung.
«Once upon a time these friends loved each other …», singt zum Schluss Rodolphe Burger. Alle tauschen zum Gedicht von John Giorno zärtliche Gesten der Fürsorge aus, begleiten Kameraden in den Tod, die die Welt erneuern wollten. Die Beat Generation war ihr Schwan der Zukunft.
Wieder in Essen, PACT Zollverein, 7. März; in Utrecht beim Festival «Springdance», 17. April