Mensch und Materie: Kate McIntosh sucht Antworten auf die großen Fragen des Lebens und entschwindet in andere Dimensionen.
Wer einmal in den Abgrund einer Papiertüte blickte, weiß, was es heißt, wenn von schwarzen Löchern die Rede ist. Gleich mehrmals reißt der Performer in Lackschuhen und Anzug seine große Tüte auf und lässt das Publikum hineinsehen in gähnende, absolute Dunkelheit. Probleme der Quantenphysik, der Schwerkraft, der Existenz einer anderen Dimension schnurren in der Performance «Dark Matter» zusammen auf die Größe eines Baukastens für den kleinen Physiker. So werden die großen Fragen des Lebens handhabbar. Und die dunkle Materie erhellt sich im Licht des Sternenhimmels auf dem Hintergrundprospekt.
Nächste Aufführungen am 19. und 20. Februar um 20 Uhr im «brut wien».
www.brut-wien.at
«Tonight is a night of stripping, tonight is a night of peeling away, layer by layer by layer by layer», verheißt die rothaarige, langgliedrige Schöne im grünschillernden Paillettenkleid, die Diva zwischen den beiden Herren Thomas Kasebacher und Bruno Roubicek. Kate McIntosh führt charmant und glamourös wie ein Music-Hall-Star durch den Abend im schwere reiter in München. Sie singt, sie gurrt, sie tanzt, sie philosophiert, sie widersteht der Tücke des Objekts, den wippenden Brettern, fliegenden Federn, rollenden Bällen, geworfenen Tauen und schweren Säcken. Jedes Ding treibt seine eigenbeweglichen Exzesse. Da kollidieren schon mal Mensch und Materie.
Im Dienst der Wissenschaft arrangieren die beiden Herren und die Dame experimentelle Settings. Mit den knappen Handgriffen des exakten Wissenschaftlers legt der eine Gentleman einen Trichter auf den Boden, befestigt einen langen Schlauch daran, lagert sich in einiger Entfernung davon hin, nimmt das Ende des Schlauchs in den Mund und atmet. Sein Partner tritt hinzu, stemmt einen Sack hoch und lässt weißes Mehl auf den Liegenden rieseln, bis dessen Kopf völlig davon bedeckt ist. Minutenlang liegt er und hängt am Schlauch wie an der Nabelschnur. Später rollt er einen Wagen herein, ein mobiles Laboratorium für den Hobbychemiker. Aus der Karaffe mit Wasser, dem Universum, gießt er «Raum» in ein Glas. Es läuft etwas über, das «Bewusste», und tropft von der Tischplatte, das «Unbewusste». Mit Papiertüchern aufgewischt und ausgewrungen wird «Erinnerung», und zum Schluss werden die Tücher, «die Seele», von Luftballons in die Höhe getragen.
Als «full-on show-biz glam-cabaret style» kündigte die in Brüssel arbeitende Neuseeländerin ihre Uraufführung für das Münchner Festival «Spielart» an. In der Reihe «Connections», in der ein etablierter Künstler ein Nachwuchstalent vorschlägt, dessen Werk präsentiert wird, war ihr Mentor der Forced-Entertainment-Chef Tim Etchells. Wie funktioniert die Welt? Das legen McIntosh, Kasebacher und Roubicek Schicht um Schicht frei, auch wenn die Fragen dadurch nicht weniger werden. «Dark Matter» oszilliert zwischen Late-Night- Show und populären Wissenschaftssendungen. Es paaren sich große Revue und Objekttheater, Zirkusclowns und Installation, Jahrmarkt und philosophisches Terzett.
Wenn dann McIntosh unter großem Getöse und noch größerem Einsatz von Bühnennebel in eine andere Dimension steigt, warten wir sehnsüchtig auf ihre Rückkehr.