Die Choreologin Georgette Tsinguirides bekommt am 27. Februar den Deutschen Tanzpreis in Essen verliehen.
Diese Stimme. Sie schwebt im Raum, überlagert die Musik. Es ist die Stimme einer nicht mehr jungen Frau, die persönlich und unverstellt von ihrem Leben erzählt, einem Leben, das untrennbar mit dem Tanz, vor allem mit dem Ballett in Stuttgart, verbunden ist. In Bridget Breiners 2007 entstandenem Stück «Zeitsprünge» spielte Georgette Tsinguirides eine akustische Hauptrolle. Sie war das «missing link» zwischen dem Ort der Aufführung – einer Ausstellung mit Bildern, Zeichnungen und Entwürfen des Künstlers Willi Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart – und deren Anlass: ein Auftragswerk, das zum einen Baumeister, zum anderen das 1950 in Stuttgart uraufgeführte Ballett «In scribo satanis» von Osvald Lemanis zu Musik von Otto-Erich Schilling und zum dritten die Schüler der John Cranko-Schule zusammenbringen sollte. Aus diesem theoretischen Konzept machte Georgette Tsinguirides, der am 27. Februar der «Deutsche Tanzpreis» verliehen wird, eine sinnlich-sinnhafte Verbindung.
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Die gebürtige Stuttgarterin sollte eigentlich persönlich in «Zeitsprünge» auftreten, erzählt Breiner – und wer Tsinguirides’ Auftritt als Amme in John Crankos «Romeo und Julia» erlebt hat, wird das sofort plausibel finden –, doch die Choreografin entschied sich anders, nämlich für ein Gespräch, das zwei Stunden dauerte und aufgezeichnet wurde. «Sie war nicht enthusiastisch, aber bereit zu erzählen», erinnert sich Breiner, «und ich glaube, sie war ganz froh, mit fast 80 nicht jeden Abend auf der Bühne stehen zu müssen und dabei der Gnade einer unerfahrenen Choreografin ausgeliefert zu sein.»
Tsinguirides’ Text alterniert in «Zeitsprünge» mit den Erinnerungen der Tochter von Baumeister, der von den Nationalsozialisten als «entarteter Künstler» verfemt wurde. Beide Frauen geben Auskunft über sich selbst, den Vater, die dreißiger, vierziger, fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Während des Zweiten Weltkriegs durchlief die 1928 geborene Tsinguirides die Ballettschule des Stuttgarter Theaters, Anfang Dezember 1945 begann sie als Elevin, 1957 ernannte Direktor Nicholas Beriozoff die Tochter eines Griechen und einer Deutschen zur Solistin. Sie tanzte schon Cranko, im «Pagodenprinz», bevor der 1961 das Stuttgarter Ballett übernahm. Er war es auch, der sie nach London schickte, um die Benesh-Notation zu lernen. Seit 1966 notiert sie in Tanzschrift, was in Stuttgart an neuen Stücken über die Bühne geht, auch um sie weltweit einzustudieren.
Ihr Wissen, ihre Erfahrungen transportieren in «Zeitsprünge» ein Stück Tanzgeschichte. Ihre Stimme gibt dem Stück, so Breiner, seinen «emotionalen Wert». Tatsächlich berührt diese Tonspur in der Aufführung sehr stark. Für die Sprecherin muss es ein Schock gewesen sein, sich selbst in der Weite des Museums und später im wohlvertrauten Stuttgarter Theater zu erleben. «Ich habe nicht bedacht, dass es einen so großen Unterschied machen würde, die eigene Stimme sehr laut über schwierige Lebensumstände sprechen zu hören, an einem Ort, der so geschlossen ist wie das Theater und an dem sie sonst vor allem hinter den Kulissen arbeitet. Sie muss sich sehr ausgestellt und verletzbar gefühlt haben, aber sie war trotzdem mir gegenüber so großzügig und hilfsbereit», sagt Breiner. «Am Ende, als sie von vielen Menschen gehört hat, wie eindrucksvoll ihr Part gewesen sei, war sie vielleicht doch ganz glücklich mit der Sache.»
Fast am Ende des Museumsparcours kommt man in «Zeitsprünge» wieder im Erdgeschoss an. Das Solo einer Tänzerin korrespondiert mit der Stimme, die vom Ende des Krieges, von Flucht, von nächtlichen Schlägen an die Tür erzählt. Die Tänzerin kollabiert, eine andere erscheint, und man hört Tsinguirides von der menschlichen Stärke sprechen: «Das kann man sich gar nicht vorstellen, und es ist gut, dass man es verdrängt. Das Leben muss irgendwie weitergehen, vielleicht merkt man das in diesem Moment nicht, oder man spürt es nicht, aber später denkt man: Seltsam, irgendwo hat man die Kraft hergenommen zu überleben.»