Früher...
Das Erben und die Erhaltung des Erbes sind Last wie Lust: Eine Debatte um Musealisierung, lebende Archive und Re-Enactment.
tanzten wir Tänze von früher. Heute auch. Stirbt eine Choreografin wie Pina Bausch, ein Meister wie Merce Cunningham, ist der Erhalt des «immateriellen» Erbes erste Tänzerpflicht und wird zur Daseinsberechtigung von Kompaniemitgliedern und Ballettmeistern. Schulen sollen erhalten, Gastspiele fortgesetzt werden. Das Vergangene, das weitergereicht werden soll, wird von den Körpern einstiger Tänzer in heutige umgetopft – ein ganz natürlicher Vorgang. Stiftungen übernehmen das Recht auf die reine Lehre.
Nach dem Tod von Pina Bausch bewahren eine Doppelspitze des Tanztheaters Wuppertal, ein Ensemble, unzählige Videos und Zeitzeugen ihr Werk vor dem Tod. «Musealisierung» nennen das die einen, «lebende Archive» die anderen. Ab Seite 52 können wir in einem Streitgespräch dokumentieren, dass alte Erfolge nur nachzutanzen Jüngere nicht interessiert, während es Älteren um das Kulturerbe selbst geht. Sie kämpfen gegen das Verschwinden ihrer Arbeit, wohingegen der Nachwuchs Platz für Neues will.
Der Weisheit großer Schluss heißt möglicherweise Re-Enactment – die neue, produktive Nutzung des Alten, sei es bei Pina Bauschs «Kontakthof» durch Teenager oder Senioren, sei es durch Anne Collod oder Vincent Dunoyer, die zeigen, dass das Werk sich erneuern muss, weil sich auch das Publikum erneuert. Ob ein Stück dazu taugt, aus der Auseinandersetzung mit dem Alten tatsächlich Neues zu schaffen, ist die große Debatte ebenso bei der zweiten «Biennale Ausbildung» jetzt in Essen. Auch das lesen Sie in tanz, dem Thema angemessen: von hinten nach vorn.
Ihre tanz-Redaktion