Das wäre doch eine hübsche Idee: Wir behaupten, der Tanz gehört dem Zuschauer. Und weil er ihn nicht einfach aus dem Theater mit nach Hause nehmen kann, kann er ihn sich als Tanzdokumentation dauerhaft habhaft machen. So, wie ein Poster zwar keine Gemälde ersetzt. Aber immerhin. Das Video oder die DVD erhält er gegen eine kleine Gebühr. Versteht sich.
Wollte man das allerdings in die Tat umsetzen, es gäbe einen Aufstand der Choreografen, die ihre Kunst für unabfilmbar halten. Und der Musikindustrie natürlich. Nicht nur Hunger leidende Komponisten, sondern auch gut bezahlte Orchester legen qua Verwertungsgesellschaft ihr Ohr ans Video und mutmaßen Klänge, die zu großen Ausschüttungen fälliger Tantiemen führen. Tänzer und Choreografen als «gebührliche Mitesser» melden sich dagegen gar nicht erst zu Wort. Denn wo sollten sie sich auch anmelden? Egal, niemand will Tanz ohne Musik.
Dabei stünden die Chancen nicht schlecht: Es gibt ja Tanzschaffende, die vor Freude an die Decke springen würden, wenn es ihr Werk auf Video gäbe. Nicht nur als mit Heimkamera aufgezeichnete Dokumentation. Sondern als richtiges Werk, das auch mehr Zuschauer und Veranstalter zeitigen würde.
Utopie? Ach wo. Ist denn das größte visuelle Tanzarchiv des Landes nicht unser gebührenfinanziertes öffentlich-rechtliches Fernsehen? Das braucht den Vergleich mit dem Friedhof Père-Lachaise nicht zu scheuen. Im Fernsehen liegen Werkdokumente der wichtigsten deutschen Choreografen in hervorragender Qualität. Ein «Who is who des Tanzes» ist da über Jahrzehnte zusammengekommen. Aber wie in Paris: Was dort verwaltet wird, sind nur noch staubige Reliquien. Zu Tode verwaltet, schön sortiert. Kunstwerke ersten Ranges warten auf den Prinzen, der sie erlöst. Das Fernsehen aber hat es sich in Zeiten knapper werdender Gebühren auf die Fahnen geschrieben, ihr erwirtschaftetes Film-Tanz-Gut nur auf dem Markt anderer TV-Macher zu recyceln. Unter tausend Euro kann man sich kaum eine Tanzminute leisten. Warum sollte es seine Schätze verschleudern? Selbst schuld, wenn man die Fernbedienung des Videorekorders verlegt hat oder noch gar nicht auf der Welt war, als die Sendung gezeigt wurde.
Fragt man einen Zuschauer, der einmal im Jahr per Theaterabo zum Tanz geht, was er davon hält, den Tanz mit nach Hause zu nehmen, dann sagt er, er gehe lieber in die Stadtbibliothek, wo mehrere tausend gut verwaltete Musiktitel auf CD liegen. Das kann man dann im Autoradio oder beim Kochen anhören. Oder er geht in die städtische Artothek, wo er sich immer mal neue Bilder fürs Wohnzimmer ausleiht.
Seinen Sohn, der nur MTV schaut, dem aber die Lehrvideos für die eigenen HipHop Moves fehlen, hält er für pubertär. Seine Malerei studierende Tochter, die ein Referat über Bakst, Benois und das Tanzumfeld schreibt, soll sich mal lieber nicht um so brotlose Kunst kümmern. Und Oma, die gern wüsste, was sich da im Seniorentanz tummelt, sollte besser mal zum Orthopäden gehen, wenn das Knie weh tut.
Muss man womöglich ans Ende der Republik fahren, um sich den geliebten oder verpassten Tanz in einem Archiv anzuschauen? Da steht dann aber an der Tür: «Wegen aktueller Premieren-Drehs sowie technischer Rekonstruktionsarbeiten von angelieferter Tanz-Heimvideos müssen wir unseren Videotheks-Service für Archivbesucher leider einschränken.»
Macht nichts, diesen Zuschauer schicke ich im Herbst nach Graz, wo die Tanzcompagnie Rubato ihren Tanzladen betreibt. Dort kann er Schritte gegen Gebühr lernen und auch noch ein Erinnerungsvideo mit nach Hause nehmen.
Dort entsteht im ganz Kleinen mal wieder, was sonst nur ganz groß zu haben ist: Tanz für jedermann. Aber nur im Original. Im Theater.