Radial hat System bei Jochen Sandig. Für den Tanz erobert er immer neue Orte in Berlin. Als dieses Interview entstand, waren die Pläne zu seinem neuen Radialsystem schon fertig und auf der Baustelle Hochbetrieb. Aber Sandig schwieg - auch im Interview mit Berlins grösstem Entlockvogel von tv real Peter Kees, dem Botschafter von Arkadien, einem Staat ohne Raum.
TV Real versucht, Menschen zu portraitieren oder sie wenigstens zu skizzieren. Die immer erste Frage bei TV Real heißt: Wovon hast du heute Nacht geträumt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich bin aufgewacht gegen zwei Uhr, konnte nicht wieder einschlafen. Ich wache oft nachts auf, wandere durch die Wohnung und wechsel das Bett, schlafe bei den Kindern, aber um deine Frage zu beantworten: Ich träum meistens tags und nicht nachts.
Warum wechselst du nachts die Betten? Ich bin ein Unruhegeist, ein Rastlosgeist, ich hab auch sicherlich Mühe, mich zu konzentrieren auf eine Sache. Ich mache am liebstens drei Sachen auf einmal. Ich brauche Mitarbeiter um mich herum, die mich wieder erden, weil ich dauernd Geistesblitze habe und Gedankensprünge. Ich schweife vom Thema ab und muss mich dann immer wieder zurückführen. Was nicht heißt, ich kann mich nicht entspannen, aber einfach nur über eine begrenzte Zeit.
Hast du schon Managersyndrome? Na ja, ich habe manchmal das Gefühl, ich mache sehr viel Arbeit, aber auch viele Dinge, die mir Spaß machen. Im administrativen Bereich bin ich nicht der Stärkste. Ich sehe mich, wenn, dann eher als Produzenten oder als Kurator, der sich neue Projekte ausdenkt, neue Ideen und sie in die Tat umsetzt. Das macht mir Spaß. Manager trifft nicht wirklich. Mein Sohn fragte neulich: «Papa, was hast du eigentlich für einen Beruf?». Bei Sasha, meiner Frau, ist ihm das klarer. Sie ist Choreografin.
Also, was machst du, konkret? Erst mal künstlerische Prozesse anschieben und auch umsetzen. Und das an spezifischen Orten. Vieles, von dem was ich mache, hat mit Räumen zu tun und den Inhalten, die in diesem Raum passieren, der auch sehr begrenzt sein kann. Ein Büro oder die ganze Stadt als Raum.
Wie kommt das? Wie ist das entstanden? Ich komm ja aus einer relativen Kleinstadt, Esslingen am Neckar ...
... die berühmten Schwaben in Berlin ... Nein, meine Mutter ist Österreicherin, mein Vater ist Sachse aus Meißen, aber sie trafen sich in Schwaben und daraus bin ich hervorgegangen. Ich habe mich dort auch nicht wohl gefühlt. Mein erster Trip führte mich nach Ost-Berlin, vielleicht 1986, da war ich fünfzehn. Meine Cousine lebte dort und war mit der gesamten Kulturszene verbandelt. Da war es geschehen, ich wollte nach Berlin. Das war die Stadt für mich.
Was war das genau? Diese unglaubliche Energie, das Zwiespältige, diese Welten, die aufeinander prallten. Ich mochte diese Extreme, West und Ost. Ich habe Berlin nie als besonders schön empfunden wie Paris oder Lissabon. Berlin ist eben die Stadt der großen Umbrüche und der Reibungen. Da habe ich gemerkt, ich fühle mich am meisten wohl an einem Ort, an dem sehr viel Veränderung passiert. Das hat vielleicht wieder mit meiner Unruhe zu tun. Ich mag Veränderung einfach gern. Der größte Horror für mich ist, wenn etwas in klaren, kanalisierten Bahnen verläuft. Deswegen liebe ich auch Baustellen. Das ist das Schöne in Mitte: die ständigen Baustellen, ständig verändert sich was, überall macht ein neuer Club, eine neue Kneipe, ein neues Restaurant, ein neues Theater auf wie das Ballhaus Ost. Natürlich war die Zeit direkt nach der Wende noch aufregender, als wir damals das Tacheles gründeten.