Diesen Erfolg krönt ein eher für die Landdiscojugend gedachter Film: John Badhams «Saturday Night Fever». John Travolta wird zum Idol, seine Art zu tanzen, jene gockelhafte Bewegung mit dem frivolen Hüftstoß, kann man in sämtlichen Diskotheken wiederfinden. «Flashdance», «Fame» und Richard Attenboroughs «A Chorus Line» versuchen, etwas engagiertere Geschichten hinzuzufügen, von jungen Menschen, ihrer Suche nach einem Platz im Leben, ihren Enttäuschungen, Sehnsüchten und natürlich: der ersten Liebe. Der Tanz funktioniert dabei zunehmend als Beiwerk und als musikalischer Motor, der eine Hitmaschinerie bedient, was vor allem die Plattenindustrie freut. In den späten 1980ern kommt es noch einmal zu einem Kick: «Dirty Dancing» erzählt zwar eine naive Geschichte um den ersten Sex, die aber mit Patrick Swayze. Er wird dafür verantwortlich gemacht, dass die Jugend die erotische Komponente des Tanzes erkennt. Wie Swayze seine Partnerin Jennifer Grey beim Mambo umrundet, umschwänzelt und umtanzt, so müssen sie wohl sein, die entscheidenden Bewegungen vor dem eigentlichen Sex. Tanzschulen erleben nach «Dirty Dancing» einen Boom, Patrick Swayze wird von der Kritik als «die selbstbewussteste Zurschaustellung männlicher Sexualität seit Valentino» gefeiert, und die Filmindustrie serviert fortan einen mit lateinamerikanischer Musik gespickten Tanzfilm nach dem anderen.
Lambada-Wahn, Mambo-Hysterie, Tango-Kult: Alle Tänze finden Einzug ins Kino, keine Sommersaison ohne Tanzfilm. Regisseure wie der Spanier Carlos Saura erinnern sich an ihre Wurzeln und feiern die Kraft und Erotik des Tanzes. Der spanisch-französische Tanzfilm «Vengo» huldigt dem Flamenco so lang, bis eine weitere Welle den Tanz mit gesellschaftlich relevanteren Entwicklungen verknüpft. Ein herausragendes Beispiel ist der japanische Streifen «Shall We Dance?», in dem ein japanischer Geschäftsmann aus Konventionen und Zwängen ausbricht, indem er heimlich Tanzunterricht nimmt. Da in Japan die tänzerische Bewegung mit gegenseitiger Berührung als moralisch unanständig, ja als Tabu, gilt, wird «Shall We Dance?» zu einer Gesellschaftssatire, die in einem so märchenhaft harmonischen Tanzfinale endet, dass Richard Gere das Ganze noch einmal in den USA wiederholt – bloß ohne Tabubruch.
Und endlich hat es auch das Ballett geschafft. Im Jahr 2000 kommt «Billy Elliot – I Will Dance» des britischen Regisseurs Stephen Daldry ins Kino. Billy Elliot ist von einem glühenden Wunsch beseelt: Er will Tänzer werden. Wie es Billy gelingt, aus seiner trostlosen, nordenglischen Heimat als gefeierter Startänzer die Londoner Ballett-Szene zu faszinieren, erlebt der Zuschauer als ein Wechselbad von skurrilen, rührenden und dramatischen Sequenzen. Billy Elliot zeigt eine neue Richtung im Tanzfilm, die des schnörkellosen Realismus. Der Tanz ist erstmals aus der Märchenwelt hinabgestiegen in die Wirklichkeit. Diese Realität nun wirklich und heftig zu erkennen, ist bitter nötig, weil nur die harte Wahrheit, wie in «The Dancer» von Luc Besson zuvor oder wie in «Rhythm Is It!» von Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch oder «Rize» von David LaChapelle danach, klarmachen, dass der Tanz vor allem eine Frage der Ehre ist. Und keine der Weltflucht.