Liebe, Sex und Drama – wo getanzt wird, fliegen die Schmachtfetzen. Von Rudolph Valentino bis Patrick Swayze. Wer nicht tanzen kann wie Billy Elliot, wird nie ein Idol. Bloß die Deutschen hatten es immer schwer. Oder erinnert sich noch jemand an Marika Rökk?
Als der deutsche Filmpionier Max Skladanowsky 1895, im Geburtsjahr des Kinos, gemeinsam mit seinem Bruder ein erstes Programm kurzer Filmszenen zusammenstellt und im Berliner Varieté Wintergarten vorführt, entscheidet er sich neben artistischen und zirzensischen Darstellungen auch für einige Tanzfilme. Man sieht das Kinderpaar einer Artistenfamilie bei einem «sizilianischen Bauerntanz». Das Ensemble Die drei Tscherpanofs tanzt den russischen «Kamarinskaja» und eine junge Frau, die ein wallendes Schmetterlingskostüm trägt, führt einen Serpentintanz vor. Das Kino in seiner Geburtsstunde. Von Anfang an ist es das Medium der Bewegung – auch des Tanzes. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit können bewegte Bilder gezeigt werden, kann der menschliche Körper aus der Starre der Malerei, der Bildplastik und der Fotografie heraustreten. Nur die schweren Kameras selbst sind noch nicht so beweglich, noch gibt es nicht mal Kameraschwenks.
Aber die Geschichte beginnt. Tanz ist weder im Dokumentarischen noch im Spielfilmgenre wegzudenken – sowenig wie die großen Tanzstars. Rudolph Valentino etwa. Als er im Oktober 1921 im Alter von knapp 25 Jahren erstmals auf der Leinwand erscheint, ist praktisch über Nacht Hollywoods erster männlicher Superstar geboren, der nicht mit Tugenden wie Härte, Stärke oder Männlichkeit prahlt, sondern fasziniert durch sein gutes Aussehen, seinen Sex-Appeal, seinen Körper, seine Bewegungen, seine androgyne Erscheinung. Die Stummfilmzeit mit ihren theatralischen Übertreibungen und den tänzerisch-expressiven Bewegungen ihrer Schauspieler bekommt mit Valentino den ersten Künstler, der Spiel und Tanz vereint, während in Deutschland Leni Riefenstahl eher klägliche und aus heutiger Sicht sogar unfreiwillig komische Versuche wagt, um den Ausdruckstanz im Film zu etablieren – etwa in Arnold Fancks «Der heilige Berg» von 1926. Wie mühelos gelingt es Valentino auf der anderen Seite des Atlantiks, über Film den als erotisch verruchten Tango salonfähig zu machen. Sein früher Tod 1926 beendet diese erste Tanzkarriere beim Film.
Tänzer im Film – je größer die Inszenierungsmöglichkeiten des Mediums werden, je beweglicher die Kameras, umso mitreißender wirkt der Tanz auf der Leinwand. Man dreht spektakuläre Pirouetten, wagt atemberaubende Sprünge, führt die Schwerkraft ad absurdum und verwandelt den Raum in eine verzauberte Welt aus reiner Bewegung. Der Tanz produziert sich gewaltig und die Kamera hat ihre Gaudi an der wilden Bewegung, aber auch an Zeitlupe oder anderen Tricktechniken. Der Filmschnitt entwickelt sich weiter, und die Gesetze des Tanzes erhalten für die Kinematografie einen neuen Begriff: Montage.
Das Tonfilmzeitalter. Ginger Rogers und Fred Astaire sind die Stars jener Zeit. Sie, Anfang zwanzig und er, gut zehn Jahre älter, tanzen bis Ende der 1940er Jahre durch Filme mit banalen Geschichten und umso üppiger gestreuten Gesangs- und Tanznummern. Meisterhaft zeigen sie ihr tänzerisches Können vor der Filmkamera. «Scheidung auf amerikanisch», «Tanz mit mir» und der berühmte «Tänzer am Broadway» sind damals ebenso populär wie leichtfüßig.
Fred Astaire wirkt mit seiner Partnerin stets ein wenig asexuell und ausschließlich am Tanz interessiert. Gene Kelly dagegen, ein maskulin-athletischer Typ, der das Tanzen von der Pike auf gelernt hat und zeitweise als Tanzlehrer arbeitet, tritt noch am Broadway auf, als Judy Garland ihre Beziehungen spielen lässt. «For Me And My Gal» heißt sein Filmdebüt – an der Seite Judy Garlands. Gene Kelly verkörpert als erster den erotisch-verführerischen womanizer, sein Tanzen hat im Gegensatz zu Fred Astaire nie den Hauch von weibischen Bewegungen. Neben dem berühmten Streifen «Ein Amerikaner in Paris» ist und bleibt «Singin’ In The Rain» eine Ikone. Wie auch Gene Kelly.