David Dawson bis letzte Spielzeit waren Sie Hauschoreograf des Dresden SemperOper Balletts und mitverantwortlich für die künstlerische Ausrichtung des Ensembles. Gab es für Ihre Kündigung einen Grund?
Eigentlich nicht. Natürlich unterschieden sich die künstlerischen Konzepte von Aaron Watkin und mir, auch war mein Plan, von vornherein die Starthilfe zu geben. Das Ballett steht jetzt auf eigenen Füßen, und dass mein Vertrag nach drei Jahren ausläuft, kam mir gerade recht: Ich will neue Herausforderungen, mein Werk vorantreiben, mit interessanten Leuten arbeiten und internationalen Verpflichtungen nachkommen.
Als da wären?
«The 3rd Light», eine Kreation, mit der das Koninklijk Ballet van Vlaanderen in Antwerpen am 12. Januar sein 40-jähriges Bestehen feiert. Gavin Bryars hat dafür eine Musik komponiert, die von der Filharmonie in der Vlaamse Opera uraufgeführt wird. Anfang der Spielzeit stellte ich zu Hause in London innerhalb eines «Ballets Russes»-Abends «Faun(e)» vor, ein Duo zu Debussys bekannter Musik. Neues mache ich auch beim Norwegischen Nationalballett zu Musik von Peteris Vasks. Dazwischen studiere ich in Budapest, Dresden und Amsterdam ältere Stücke von mir ein.
Als Künstler können Sie unbesorgt in die Zukunft schauen?
Das wäre übertrieben. Sicher, ich habe einige Aufträge, die mir eine gewisse Kontinuität meiner Arbeit sichern. Aber das Choreografieren ist ein Prozess, der sich nicht so ohne Weiteres kontrollieren lässt. Ich bin darauf aus, von Stück zu Stück stärker zu werden. Man wird dann auch mutiger in dem, was man will.
Trotzdem haben Sie vor einem Jahr in Dresden eine «Giselle» vorgestellt, obwohl Sie nicht unbedingt als Geschichtenerzähler bekannt sind.
Das stimmt, aber ich sehe keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Erzählballett und dem, was man gern als abstrakten Tanz bezeichnet. Selbst in Werken, die keine erkennbare Handlung haben, finden sich Spuren, aus denen man eine Geschichte ablesen könnte. Zwischen Narrativem und Abstraktem gibt es meiner Meinung nach einen großen Zwischenbereich, in dem man vorwärts oder rückwärts schwimmen kann.
Schwimmen ist gut. Ihre Stücke zeichnen sich durch einen permanenten Bewegungsfluss aus, der Ihnen gelegentlich vielleicht zu stromlinienförmig gerät.
Okay, das kann man so sehen. Meine Stücke lassen die hochästhetische Schönheit des klassischen Tanzes ahnen. Dass es bei aller Verschiedenheit der einzelnen Stücke etwas Verbindendes gibt, einen Bewegungsfluss, eine spezifische Linie und eine Emotionalität, die nichts Kaltes, nichts Klinisches, überhaupt nichts Konstruiertes hat: Das leugne ich nicht. Die Tänzer sollen leben, sollen atmen können – und ich möchte die Zuschauer nicht nur mit meinen Balletten überraschen, sondern auch damit, dass sie sich wohlfühlen können.
Wie man sieht, scheinen Sie sich in Berlin wohlzufühlen.
Seit letzten Oktober wohne ich hier, und ich fühle mich deshalb so wohl, weil mein Glaube an das, was mir wichtig ist, von anderen geteilt wird. Das ist nicht überall so. Aber hier in Berlin kann ich alle Arten von Tanz erfahren, ins Theater gehen, in Galerien neue Maler kennenlernen – oder einen Mann wie Gregg Haines, der für mich eine neue Musik komponiert. Mein Umfeld beeinflusst mich sehr. Wenn ich je die Chance hätte, hier meine Arbeit vorzustellen, wäre das für mich eine große Ehre, weil ich etwas zurückgeben könnte. Ich repräsentiere auf eine gewisse Weise diese Stadt, die für mich die Einzige ist, in der ich wirklich leben möchte.
Heißt das: Sie könnten sich vorstellen, hier mal als Direktor zu arbeiten?
Eine Kompanie zu leiten, verlangt viel Büroarbeit. Dafür bin ich mit meinen 37 Jahren noch nicht alt genug. Aber wenn ich gefragt werde, denke ich natürlich darüber nach. Schließlich möchte ich auf die Dauer beides: Mit Tänzern, die mit mir und meinem Stil vertraut sind, etwas Eigenes entwickeln – wie ich es durch Ashton und MacMillan, van Manen und, während meiner Frankfurter Jahre, durch Forsythe erfahren habe.