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Frühkritik

Hoch hinaus
Foto: Claudia Heysel
26.10.2009: Tomasz Kajdanksis überzeugender Einstand mit „Lulu“ in Dessau.

Natürlich profitiert diese vertanzte Dessauer „Lulu“ vom Schauspiel Frank Wedekinds und wohl noch mehr von Alban Bergs Oper. Auch wenn dessen Musik nur mit dem Ostinato aus der Lulu-Suite zu einem der zwölf Bilder erklingt. Doch die erste Produktion des neuen Ballettchefs Tomasz Kajdanksi steht ganz für sich selbst. Kapellmeister Daniel Carlberg hat dafür nicht nur eine zwingende musikalische Tonspur aus passgenauen Stücken von Wolfgang Rihm, Erich Wolfgang Korngold, George Antheil, Arnold Schönberg, Dmitri Schostakowitsch und Pierre Boulez zusammengestellt, sondern interpretiert sie auch mit zwingender Präzision live mit der Anhaltischen Philharmonie.

Der achtzigminütige Abend beginnt mit einem metaphorischen Coup: Eine barbusige Lulu thront in einem meterhohen roten Kleid vor einer gerahmten Videoleinwand. Am Ende liegt sie von Jack the Ripper ermordet zwischen den unzähligen Papieren, die im vorletzten Bild „Im freien Fall“ aus dem Schnürboden gefallen waren. Bis dahin wurde die charismatische Laura Costa Chaud als Lulu zum Fixpunkt der Begehrlichkeiten, ob nun von Dr. Schön (Juan Paolo Lastras-Sanchez), der Geschwitz (Yun-Ju Chen) oder dem Zuhälter Schigolch (Joe Monagahan). Und zum Opfer.

Kajdanskj entfesselt nicht nur die Obsessionen und hält dabei ein erstaunliches Tempo. Weder in den Soli noch in den expressiven Ensembleauftritten verfallen die dreizehn Tänzer dabei auch nur einen Moment in Verlegenheitsaktionismus. Die Bühne hat Dorin Gal zuerst durch eine halbrunde transparente Wand voller Türen und Fenster begrenzt. Als sich Lulu von Dr. Schön dann nicht zum Selbstmord zwingen lässt, sondern ihn erschießt, fällt ein Weißer Vorhang mit einer hintersinnigen Blutspur.

Wenn dann die Geschwitz Lulu aus der Anstalt befreit, und beide im Gleichschritt über eine Bank steigen, verschwindet dieser Vorhang wieder. Nicht nur in der intelligent assoziativen und kraftvollen Virtuosität des Tanzes, sondern auch in ihrer kargen und gleichzeitig opulenten Ästhetik ist diese „Lulu“ ein Wurf.

Kajdanksi hätte es sich in Dessau auch leichter machen können, doch er hat sich für die Herausforderung entschieden und haushoch gewonnen!

 

Joachim Lange

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