Nackte, geschwärzte Wände umfassen die kleine Bühne. Außerhalb der Bühne der Kulturen in der etwas düsteren Platenstraße in Köln-Ehrenfeld riecht es nach Kohleofen, nicht nach schickem Kamin. Die Raum-Situation der freien Tanzszene in Köln ist desolat. Deshalb findet die Annäherung an die Anmut oder Gnade hier statt: Das MDKollektiv, von ehemaligen Mitgliedern der abgeschafften städtischen Kompanie pretty ugly dance köln gegründet, zeigt sein erstes Werk. Die tänzerische Herkunft aus Amanda Millers Truppe ist ihm anzusehen, was eine Bereicherung für die Kölner Freie Szene ist; und der Optimismus der Neulinge ebenso.
„Approaching Grace“ ist noch nicht der große Wurf, eher ein erster sehenswerter Versuch, choreographiert von den Namensgebern Michael Maurissens und Douglas Bateman, prima getanzt von Bateman, Adam Ster, Flavia Tabarrini und Sabina Perry. Ein richtiger innerer Zusammenhalt und eine Freiheit im Ausagieren fehlen dem Ablauf noch. Das Oberthema „Haut“ steckt den Rahmen ab, einen begrenzt interessanten allerdings, denn beim Tanz ist die Körperhülle eigentlich immer ein Sujet. Zum Glück aber vermeidet das Kollektiv zu viel Lecture-Belehrung übers Mikrofon und verzichtet auf die üblichen Wäscheklammern und sonstige Quetschungen. Sondern, passend zum feingliedrigen Millerschen Bewegungsstil, finden sie Häute, Hüllen, Luftigkeit, die Blättrigkeit abfallender Zellen und die Kontaktflächen und -räume im Tanz selbst.
Zu zurückhaltenden, elektronifizierten Bass- und Gitarreklängen von Greg Haines stülpen sie die Innenseiten der Arme und Hände nach außen, strecken den Körperbeutel extrem nach oben und zur Seite, bringen ihn zum Kippen, Drehen, lehnen ihn an jemand anderen, rollen und werfen ihn, schwingen ihn in kleinen und in großen Kreisen. Wälzen ihn rauschend in einem Berg aus Fotoschnipseln, bis diese wie Schuppen an der schwitzigen Haut kleben. Mal bilden die Tänzer eine Art gemeinsamen Körper, der wogenartig nach vorn und zurück schwappt; mal zeigt das Licht hübsch bergige Konturen von Armen und Schultern. Oder zwei spielen juchzend Fangen, und gerade in diesem uralten Spiel schon wird deutlich, wie empfindlich ein Mensch auf Annäherung und Berührung reagiert. Vielleicht heißt das Stück deshalb „Approaching Grace“, weil weder eine komplette Vereinigung zweier Körper/Häute noch perfekte Anmut jemals möglich sind.