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Buchbesprechung

Valeska Gert ...
Foto: aus dem Film 'Nur zum Spaß, nur zum Spiel' von Volker Schlöndorff (1977)
... tanzte auf vielen Hochzeiten zwischen Dada und Futurismus - eine neue Biografie mit Verweisen zu postmodernen Künstlerinnen.

Valeska Gert wollte in einem Kornfeld begraben sein («dann fließt mein Fleisch ins Korn hinein, dann werd‘ ich Brot, bin nicht mehr tot»). Beigesetzt ist sie dann doch auf dem Friedhof, ihr Sarg in orangerotes Tuch gehüllt in Anspielung auf ihren «Tanz in Orange», der wie eine Bombe in den Expressionismus platzte: den «echten», nicht den des «Kunstgewerbes». Tot ist die «Fratze ihrer Zeit» nun weniger denn je; auferstanden durch die Suchbewegungen von Susanne Foellmer für «Valeska Gert – Fragmente einer Avantgardistin in Tanz und Schauspiel der 1920er Jahre».

Schon für ihre Diplomarbeit hatte die Tanzwissenschaftlerin die Fetzen des oft fettfleckig-zerflederten Nachlasses der Tänzerin / Kabarettistin / Schauspielerin unter die Lupe genommen, sich in den Biografien umgetan, die Bruchstücke eines «uneinheitlichen, vielseitigen» Lebens auf die multiple Ästhetik ihrer Großstadtkunst des Schocks, Tempos, Abbruchs und (als Erste) des Samplings abgetastet. Das Buch aktualisiert Susanne Foellmer auch im Hinblick auf postmoderne Künstlerinnen (Sherman, Sprinkle, Dumas, Orlan), in deren Vorfeld Gert bereits die Frau als Bild thematisierte: grotesk, Grenzen überschreitend, übergenau, zugespitzt, «hyper­bolisierend».

Valeskas Schicksal, zu früh für ihre Zeit und verkannt zu sein, leuchtet beim Lesen und Hin- und Herblättern zu den unzähligen Querverweisen durch alle Thesen. Wie nah stand sie mit ihren Ein-Minuten-Shots und Tontänzen doch Brecht, Eisenstein, Stanislawski, Meyerhold ... Und wie fern Mary Wigman. Gift und Galle spuckt sie über das «vage Bewegungs­tanzen» ihrer Hauptgegnerin. Foellmer analysiert beider Ästhetik als zwei Pole im Ausdruckstanz: Schwung contra Synkope, getanzte Innerlichkeit contra Pathos des Protests. Die CD-Rom dazu ist ein Schatz.

Auch Niddy Impekoven, die Kindliche, bietet darauf Kontrast. Gert hat deren Parodie «Brüsseler Spitzen» noch parodiert – und auf vielen Hochzeiten getanzt zwischen Dada und Futurismus, oft zu «Wirklich­keits­geräuschen»: eine Synthese aus Tanz, Mimik, Laut, Sprache wie sie Artaud forderte. Auch darin war sie zweifellos Avantgardistin.

Susanne Foellmer
Valeska Gert. Fragmente einer Avantgardistin
in Tanz und Schauspiel der 1920er Jahre

Reihe TanzScripte, 302 S., zahlr. Abb. (incl. DVD),
Bielefeld: transcript verlag 2006, 28,80 Euro.
 


Irene Sieben / ballettanz / Seite 22 / Oktober 2006

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