Ein Afrikaner zeigt Europa, was der Tanz im Fest bewegen kann. Bei Theater der Welt in Halle. Ein Gespräch mit Thomas Hahn.
Opiyo Okach, in Ihrem Stück «Abila» von 2002 benutzen Sie Versatzstücke aus traditionellen Ritualen wie das Einreiben des Körpers mit roter Erde und schaffen in Verbindung mit Videos choreografische Bilder, deren Eleganz und zeremonielle Schönheit auf einer Stufe mit Sankai Juku stehen.
Allerdings habe ich dafür, dass ich mit sakralen Elementen arbeitete, in Kenia einige Anfeindungen erlebt. Dort herrschen strenge moralische und soziale Regeln. Die ursprüngliche Kultur hat sich mit der christlichen vermischt, die unser Verhältnis zum Körper zerstört hat. In vielen Fragen wurde die katholische Sichtweise übernommen. Aber das Zusammenleben mit den anderen Gemeinschaften, auch den Moslems, ist harmonisch.
Jeder bewegt sich im Alltag zwischen mehreren Sprachen und Kulturen und kann die Perspektive des anderen nachvollziehen. So begreift man, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Man versteht sich nicht als Zentrum der Welt, sondern lebt in mehreren Welten gleichzeitig. Das hat auch mit dem Funktionieren von Demokratie zu tun und mit einem Gleichgewicht in der Welt. George Bushs «Entweder du bist mein Freund oder mein Feind», hält dieser Realität nicht stand. Viele Kenianer tragen übrigens einen traditionellen und einen christlichen Vornamen. Die Schule absolvieren wir in Englisch.
Und diese Flexibilität des Bewusstseins setzen Sie in ihrem neuen Stück «Shift ... Centre ...» in ein mobiles Verhältnis zwischen Tänzern und Publikum um?
Ich weiß natürlich, dass das nicht gerade neu ist. Aber bei mir steht dahinter, dass die frontale Bühne auch die Tyrannei des europäischen Verständnisses widerspiegelt, nach der es nur eine gültige Lebensart gibt. Dieses Monopol brechen wir auf. Das Publikum kann sich frei bewegen. Wir stellen hier und dort Bänke auf, suggerieren so nur mögliche Blickwinkel. Auch die innere Struktur ist flexibel. Wir sind mindesten sechs Tänzer, können aber wesentlich mehr sein. Und wir laden andere Künstler ein, wie eine sechzigjährige Sängerin, die zu einer Gruppe älterer Frauen aus der Nähe meines Heimatdorfs gehört, die auf Hochzeiten und Beerdigungen zu Ehren anwesender Personen singen. Sie stand vorher noch nie auf einer Bühne.
Wie unterschiedlich reagiert das Publikum in Afrika bzw. Europa auf «Shift ... Centre ...»? In Johannesburg waren die Zuschauer spontan bereit mitzutanzen. In Europa tun das nur die Kinder. In Nairobi war das Publikum ziemlich verunsichert. Es war das erste Mal, dass eine andere Art von Aufführung geboten wurde. Wer in Nairobi ins Theater geht, ist das europäische «Ritual» der frontalen Bühne gewohnt, in dem suggeriert wird, man könne eine Aufführung objektiv und vollständig erfahren. Schon das aber stimmt nicht. Die Realität ist nur fragmentarisch erfahrbar. So entsteht auch Zyklisches. Aber das Publikum fragt: Wie soll ich mich verhalten, wenn ein Tänzer direkt neben mir auftaucht? Soll ich hinsehen oder wegschauen?