Helena Waldmann gab ein Fest im Theater - als Gegengift zum Leistungswillen unserer Bühnen. Das Publikum wurde eins mit der Kunst, die Kritik gespalten.
PRO
Diesmal wird alles anders! Das Theater soll wieder werden, was es mal war! Schluss mit dem Vormachen. Feste feiern! Solche Ankündigung samt erahnter Aufforderung zum Tanz ließ die Skeptikerin erschaudern. Dann blickt mir eine Plastikmäusemaske ins Gesicht und fragt, ob ich Mut habe. «Ja», lautet die mündliche Vereinbarung; die visuelle folgt: Jeder Besucher sucht sich im Foyer, bei Geplauder und erstem Trunk, eine Plastikmaske aus, darf Versteck mit seiner Identität spielen. Muss aber nicht. Unter der Tierschnauze verfliegt mir der Ärger des Tages. Diese falschen Gesichter machen uns zu einer Gemeinschaft. Sie sortieren Artgenossen: Affen, Mäuse, Löwen, Wölfe. Wildfremde Leute lächeln einander zu. Helena Waldmann, Leithammelin der Gastgeber, hält eine kurze programmatische Ansprache. Dann dürfen wir rein ins Theater. Mitmachen.
Das Entrée ist ausgeklügelt. Das Performerteam hat alles wiederholt an lebenden Subjekten ausprobiert, immer wieder verändert, unterstützt von den Dramaturginnen Rosi Ulrich und Célestine Hennermann. Der Ablauf ist geplant, die Musiken, die «Event»-Einlagen, gesteuert werden emotionale Dynamiken – wie bei einem Fest. Wie beim Theater. Das ist durchschaubar und versteckt sich auch nicht. Aber es dis-tanziert sich nicht ironisch oder belehrend. Das beweist Mut. Die Kunst ist, den Gast wirklich mitzunehmen. Die sieben prima Performer stellen sich mit Namen vor, freundlich, unaufdringlich. Sie leiten ihre Rudel in den Theaterraum. Während Raman Zaya die Wölfe Kichererbsenhumus bereiten lässt, erzählt er vom Festefeiern der Iraner. Yui Kawaguchi zeigt, wie Origami aus alltäglichem Papier Besonderes schafft. Eine andere Gruppe lernt ein Lied. So tragen die Gäste zum Fest bei: Speise, Gesang, Deko. Wie sehr sie selbst beitragen, entscheidet über das Gelingen des Fests.
Ist man gern mal Menge? Und klatscht gemeinsam einen Rhythmus, hüppelt zu Balkan Beat und orientalischem Pop. Stimmt lauthals ein in «Für mich soll’s rote Rosen regnen», in ein französisches und ein serbisches Lied. Probiert ein paar Derwisch-Drehungen. Wirken das tanzfreakige Zappeln oder die ekstatische Einlage eines Gastes peinlich? Ein Lachanfall? «Feierabend!» kann damit leben. Schließlich schürt er Gefühle, nicht nur mit der nomadischen Musikauswahl: Ein hoch hängender Beutel wird mühevoll mit Knüppeln zerhauen. Es regnet Schnipsel und Glitter. Ein virtuoser Messertanz, ein lauter Stockkampf und wie Mohammad Reza Mortazavi aus seinem Trommelinstrument ein eigenes Klanguniversum herausklopft, machen staunen. Raman Zaya schüttelt Becken und Brust, dass einem anders wird. Sex kommt auch vor, Gewalt, Schmerz – fingiert, doch berührend. Das Opfer, das zu einem traditionellen Fest gehört, ob als Schlachtung, Geld, Hingabe, bringt niemand leichtfertig.