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Das Bild und seine Geschichte
Herumhängen am Nordkap. Knut Ove Arntzen über das Nordlicht

Ich stand auf dem Postschiff zum Nordkap und sah das Nordlicht. Um mich herum lauter Touristen, die meisten aus Deutschland. Alle starrten in den dunklen Himmel mit dem tanzenden, sich so frei bewegenden Nordlicht vor der nördlichen Küste Norwegens, der Finnmark. Langsam verschoben sich die flackernden Lichtflächen und verschwanden. Wir bewunderten, was in den 1930ern schon der Schriftsteller Karel Capek aus Prag sah, in den 1960ern der Existenzialphilosoph Jean-Paul Sartre, was auch schon der Bürgerkönig Louis Phillippe in Zeiten der Französischen Revolution als Flüchtling in der Finnmark sah. Künstler und Wissenschaftler reisten immer wieder in diese ferne Tundra, die in Sibirien beginnt und im arktischen Teil von Norwegen auf einer Insel endet, Spitzbergen, die sich dramatisch in die Barentsee stürzt.

Es ist ein scheinbar weiter Bogen, der nicht nur eine Natur-, sondern auch eine Kulturlandschaft markiert, mit Eis bedeckte Berge und wenige Menschen, die Rituale pflegen, die mit der Natur fest verbunden sind. Ein Stein hier ist ganz konkret, kann aber auch abstrakt und skulptural betrachtet werden, als Träger von Bildern und Spuren. In Spitzbergen sind die Berge geologisch so jung, dass die Steine im Kontrast zum Eis wie Muster erscheinen, die die Fantasie beflügeln – schon seit Jahrhunderten, wenn Archäologen recht haben, die glauben, dass Menschen in der Steinzeit über die Inseln nördlich von Russland nach Spitzbergen wandern konnten. Vom sibirischen Nordvik (es gibt auch hier eine norwegische Fischerbevölkerung) immer nach Westen – das wäre im Winter fast ein Spaziergang, eine recht kurze Strecke, die nur unsere gewöhnlich Mercator-projizierte Landkarte nicht abbilden kann.

Natürlich wissen wir Sesshaften, dass Kunst erst durch einen institutionellen Rahmen und seine Kontexte definiert wird. Aber wie ist es hier? Wäre es zum Beispiel denkbar, dass den hiesigen Nomaden eine «Nordlicht-Kunst» geläufig ist? Hat dieses nicht selbst einen nomadischen Charakter? Es ist ständig flackernd unterwegs.

Das findet zumindest Makka Kleist in der nordnorwegischen Metropole Tromsø. Sie liebt das Licht und zeigt darin ihre Maskentänze – aus Grönland. Tänze, die die Kinder erschrecken sollten, damit sie das Fürchten lernen. Sie weist mich darauf hin, dass die grotesken Maskentänze zu Trommeln so rituell getanzt werden wie bei den Schamanen in der Tundra – die östlich von ihr leben. Fast nebenan.

In ihrer Dissertation «Vernacular Images of the Svalbard Archipelago from 1596-1996» (University of Fairbanks, Alaska, 1997) erzählt Tone Benedicte Deehr, wie Jäger im 16. Jahrhundert ihre Rituale nach Spitzbergen brachten. Hier blieben sie und wurden Teil der Tradition. Der schwedische Kurator Mårten Spångberg hat denselben Vorgang auch für den zeitgenössischen Tanz entdeckt: Das, was auf einer Bühne geschieht, erleben wir als unsere kulturelle Realität. Und halten daran fest. Egal ob diese shared experience im hohen Norden oder in urbanen Klubkulturen geschieht, immer setzt sich ein Tanz in einer relativen Fremde durch, sei es eine Stadt oder eine ferne, kalte Insel.



Knut Ove Arntzen / ballettanz / Seite 4 / April 2009

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