Ein Kampf ist entbrannt zwischen Publikum und Kritikern. Tanzwellen schlagen hoch, wenn sich in Zürich zum «Modernen Ball» Hundertschaften aus dem Sessel erheben und selber das Tanzbein schwingen. Oder gestandene Männer in Bautzen die Daumen in ihre Gürtel zwängen, um sich in ein sogenanntes «Line Dancing» zu fügen. Oder in Hamburg auf Kampnagel sich am Freitagabend weit mehr Menschen zur Tanzparty treffen, als nur wenige Stunden zuvor beim Betrachten einer Tanzperformance.
Kritiker, gewohnt auch im Dunkeln noch kritische Notizen anzufertigen, legen höchsten Wert darauf, ungestört sitzen zu dürfen. Sie sind notgedrungen wenig erbaut, wenn um sie herum alles, was Beine hat, bereit ist, diese zu schwingen. In solcher Haltung ist ein Notizblock nicht nur schwer zu bedienen, er entlarvt auch die eigene Haltung: Als Kritiker wie ein Polizist in der Menge der Mittanzenden zu wirken. Wie sieht das auch aus?
In diesem Heft gehen wir dem Phänomen nach, warum sich zunehmend mehr Menschen für das Tanzen begeistern, was sie keinesfalls gleich zu Tanz-Bewunderern formt, wie es auch für den Kindertanz an unseren Grundschulen angenommen wurde. Nicht nur Kinder, ebenso Erwachsene entdecken, dass sie sich mit Lust bewegen können. Einfach so. Das begann vor Jahren in William Forsythes «Hüpfburg», dem White Bouncy Castle, in dem Alt und Jung auf luftgefederten Kissen tobte. Das begann mit bildenden Künstlern wie Rirkrit Tiravanija, der die weinseligen Ausstellungseröffnungen selbst zur Kunst erklärte – und das Publikum zum Teil der «Fest-Installation» machte. Und nun geht es weiter, mit der nächsten Generation junger Kompanien, die wie das Wiener God’s Entertainment die Mitmachlaune der Generation Joystick bedienen. Wer da, als Kritiker, die Nase rümpft, hat es schwer gegen das Vergnügen. Er ist genötigt, das Publikum zu schelten als die, die sich vom Tanz haben verführen lassen. Als wäre Tanz etwas Schlechtes. Aber das glaubt nicht mal Ihre redaktion@ballet-tanz.de