Degree Zero - auf diesem Gefrierpunkt will die Biennale di Danza in Venedig in den nächsten drei Jahren verharren. Ihr Leiter Ismael Ivo hat diese Rosskur verordnet – zu Recht, wenn man die Situation des Tanzes in Italien betrachtet. Südlich der Alpen weht der Geist des Zeitgenössischen sehr verhalten. Meist feiern Kitsch und Tanzentertainment fröhliche Urständ. Nun setzt Ivo, der ewig schöne Tanzprinz aus Brasilien, eine denkbar heftige Strukturreform in Gang. Das Arsenale in Venedig, ein Bauwerk aus dem 17. Jahrhundert, wird zum Tanzlabor. Es sollte selbstbewusste Tanzkünstler ausbilden. Nie mehr Tänzermarionetten. Ab dem 30. Mai sind hier neben Ivo die Forsythe-Tänzer Tamàs Moritz und Francesca Caroti, Ted Stoffer u. v. a. damit beschäftigt, in sieben Master-Classes bis zum 30. Juni die italienischen Tänzer in der Gegenwart des Balletts ankommen zu lassen. In Rom entstand unterdessen die Accademia Nazionale di Danza unter Leitung von Margherita Barrilla, um Schülern das Tanztheater à la Pina Bausch in der Praxis nahezubringen. Beide Ausbildungszentren sowie Schulen in Angers und Mailand kommen vom 20. bis zum 27. Juni in Venedig zusammen, um sich an Arbeiten von Alain Buffard, Yasmeen Godder, Trisha Brown, Robyn Orlin, Jacopo Godani und Pina Bausch höchstpersönlich des Status quo im internationalen Tanz zu versichern. An den letzten beiden Tagen zeigt die Kritikerin Francesca Pedroni, wie der Tanz richtig rocken könnte, vielleicht so, wie es der Amerikaner Michael Clark in Zusammenarbeit mit sechs der Biennale di Danza assoziierten Tanzfestivals vormacht, der am 25., 26. Juni das Teatro alle Tese mit Iggy Pop, David Bowie und Lou Reed erschüttern möchte. Es muss ja nicht immer Strawinsky sein. Fernziel dieses Erwachens am Schmelzpunkt ist die Gründung einer international erfolgreichen italienischen Kompanie für zeitgenössischen Tanz.