verkörperte reine Freiheit – im Tanz wie in seinen Launen. James Woodall besuchte Julie Kavanagh, die «offizielle Biografin» der 1993 gestorbenen russischen Tänzerlegende. Zehn Jahre lang schrieb sie an «Rudolf Nureyev: The Life». Jetzt ist ihr Werk vollendet
Was bloß soll man mit Rudolf Nureyev, dem geradezu übernatürlich begabten, dem unbestritten überragendsten Tänzer, sozusagen dem Superlativ des Balletts des 20. Jahrhunderts, anfangen? Bis heute ist sein Einfluss in Ballettschulen und Tanzkompanien weltweit zu spüren, ganz besonders in jenen beiden Häusern, in denen er das Publikum zu seinen besten Zeiten verzauberte: an Londons Covent Garden und an der Pariser Oper. Seit er 1993 im Alter von 54 Jahren an Aids starb, wird er von Tanzliebhabern schmerzlich vermisst. Bezweifeln darf man, ob das auch für die Institutionen gilt.
Die Frage, was in aller Welt man mit Nureyev anfangen soll, haben sich die Leitungen beider Opernhäuser tausende Male gestellt angesichts seiner Eskapaden. Er sparte nicht mit Ohrfeigen, seine Wutanfälle waren legendär – einmal brach er einem Pariser Kollegen sogar den Kiefer. «Ich habe lieber mit zehn Maria Callas’ zu tun als mit einem Nure-yev», sagte schon 1962 ein anonymer Mitarbeiter von Covent Garden dem Time Magazine. Da lag Nureyevs spektakuläre Flucht in den Westen über den Flughafen Le Bourget gerade erst ein Jahr zurück. Der Vergleich mit dem berühmt stürmischen Sopran Maria Callas’ – das Zitat aus dem Time Magazine entstammt Julie Kavanaghs neuer, gründlicher 700-Seiten-Biografie über Nureyev – ist nur zu passend. Allein die Legende der Callas kommt der des Tänzers nah. Maria Callas’ Auftritte waren hinter der Bühne oft ebenso grell wie ihre Rollenportraits. Rudolf Nureyevs Temperament ist zwar wilder und dekadenter. Aber wie Maria Callas durchbrach auch er die vornehme Oberfläche seiner Kunstform wie ein Vulkan – und veränderte das Ballett damit für immer.
Körperliche Perfektion, das unerbittliche Streben nach dramatischer Wahrheit (auch wenn seine Technik ihn mitunter im Stich ließ) und seine Fähigkeit, ein ganzes Theater für sich zu entflammen, begründeten seinen unvergleichlichen Ruf. Mit seinem brennenden Charisma machte er nicht einmal davor Halt, die Linien der Ballerina für seine Tanzästhetik zu beleihen. Damit begann er schon, nach harter Plackerei, während seiner Leningrader Zeit. Das sehr hoch angelegte Passé, mit dem das angewinkelte Spielbein oberhalb des Standbein-Knies angelegt wird, wie auch die hohe halbe Spitze gelten heute im Männertanz als selbstverständlich. Vor Nureyev hatte das noch kein Mann so gemacht.
Spektakulär war auch die Art Nureyevs, den Anstoß zur zweiten Karriere der 42-jährigen Margot Fonteyn zu geben. Ihre historischen Auftritte – «Giselle», Pas de deux aus «Le Corsaire», «Les Sylphides», Ashtons «Marguerite and Armand», «La Sylphide» und natürlich «Schwanensee» (die Liste ist lang, sie tanzten noch 1977 zusammen) – beschreibt Kavanagh ausführlich. Diese Bühnenpartnerschaft spielte eine große Rolle. Aber um gleich die jenseits professioneller Aspekte faszinierende Frage hinsichtlich ihrer Beziehung zu beantworten: Ja, auf den Seiten 289