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auf tanzfühlung
In Bremen zeigt die gehörlose Tänzerin und Choreografin Doris Geist an der Schnittstelle von Gebärdensprache und zeitgenössischem Tanz, wie inklusive Kulturarbeit funktioniert

Gestreckter Zeige- und Mittelfinger der aktiven Gebärdenhand – auch Gehörlose scheiden sich in Rechts- und Linkshänder – kreisen über der offenen Handfläche der passiven Hand. In der deutschen Gebärdensprache (DGS) ist das die Gebärde für «Tanz». Mit diesem Signal bekundet die in Bremen lebende gehörlose Tänzerin, Choreografin und Gebärdensprachdozentin Doris Geist ihre große Leidenschaft: auch auf dem Flyer, mit dem sie für ihre im vergangenen August eröffnete Gebärdensprachschule «Gebärdenfreude» wirbt. Ihre beiden Berufe, den künstlerischen und den didaktischen, bringt sie mühelos unter einen Hut. Nur manchmal, bekennt sie lachend, wird sie von ihren DGS-Schülern ein wenig gebremst. Immer dann nämlich, wenn das unbändige Temperament der Bewegungskünstlerin – zum Nachteil der überaus sauber auszuführenden DGS-Gebärden – kurzzeitig die Oberhand gewinnt.

Besondere Fähigkeiten

Mit einem Workshop zum naheliegenden Thema «Hände» eröffnen Geist und ihre hörende Kollegin Corinna Mindt an diesem stürmischen Herbsttag Ende Oktober das Projekt «teaching days», eine Fachtagung, die zeitgleich mit dem fünftägigen internationalen Festival inklusiver Tanzkunst «eigenARTig» in der Bremer Schwankhalle stattfindet. Seit 2003 ist das spartenübergreifend arbeitende Haus die künstlerische Heimat von steptext dance project, das Helge Letonja gegründet hat und leitet. Veranstalter der Fachtagung ist tanzbar_bremen, ein mit steptext kooperierendes Kollektiv von Tänzern, Choreografen, Kulturschaffenden, Tanz- und Sozialpädagogen mit und ohne Beeinträchtigung, deren Mission nicht weniger ist als: die Förderung zeitgenössischer Tanzkunst.

Welche Impulse können «Menschen mit Beeinträchtigung» dem zeitgenössischen Tanz geben? Doris Geist gebärdet lieber den Begriff «Menschen mit besonderen Fähigkeiten»: «Wir wollen Andersartigkeit auf die Bühne bringen. Die muss doch nicht versteckt werden. Dadurch verändert sich der gewohnte Blick der Zuschauer, und im besten Falle wird deutlich, dass jeder Mensch besondere Fähigkeiten hat.» So interagieren in ihrem neuen Stück «Chiffre1112013» zwei junge Darsteller mit Down-Syndrom auf der Bühne. Auch sie nutzen Elemente der Gebärdensprache, um Situationen des Kennenlernens und Formen der Kontaktaufnahme durchzuspielen. «Natürlich ist es Ziel des Festivals, die allgemeine Aufmerksamkeit für inklusive Kulturarbeit zu erhöhen», erklärt Doris Geist. Doch möchte sie die künstlerischen Arbeiten keineswegs als soziokulturelle Nischenprodukte verstanden wissen. «Wir wünschen uns für unser professionelles Schaffen die gleiche Wertschätzung, die der zeitgenössischen Bühnenkunst entgegengebracht wird.»

Stichwort «Kontakt»

Die geballte Faust schlägt mit der Unterseite mehrmals gegen die Brust wie ein hämmerndes Herz. Das ist die Gebärde für «Angst». Auf Zetteln hat Doris Geist Gefühlszustände notiert: Angst, Freude, Scham, Wut sind darunter. Am eigenen Leib lernen die hörenden Workshop-Teilnehmer, wie solche Gebärden – abgewandelt, vergrößert und zum Partnering erweitert – zu Elementen einer mittels Kontaktimprovisation entwickelten Choreografie werden können. Es beginnt bereits bei den Augen: Ohne Blickkontakt ist Kommunikation mit Gehörlosen nicht möglich. «Nimm Kontakt mit der Welt der Hörenden auf», lautete denn auch ein früher Ratschlag des (ebenfalls gehörlosen) Vaters von Doris Geist, für den sie ihm bis heute unendlich dankbar ist. Immerhin gehörten abfällige Bemerkungen und unverhohlenes Anstarren seitens der hörenden Mehrheit noch vor 30, 40 Jahren zur alltäglichen Erfahrung gehörloser Menschen. Die Ausgrenzung belegen auch Fakten und Zahlen: Bis März 1987 etwa untersagte ein Erlass an Hamburger Schulen das Gebärden im Unterricht.

Da hat sich inzwischen vieles bewegt, meint auch Doris Geist: Seit 2002 ist DGS in Deutschland als vollwertige, eigenständige Sprache offiziell anerkannt – und somit auch als Muttersprache gehörlos Geborener. «Tagesschau» und «heute journal» sind längst in Gebärdensprache verfügbar, und auch die Bundeskanzlerin hat in einer Rede beim Jahresempfang des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen im Mai 2013 endlich Farbe bekannt: «Die Gebärdensprache ist nicht etwa nur eine hilfsweise Kommunikation, sondern sie ist ein kultureller Wert an sich – ein Wert der Gehörlosenkultur, die wiederum Teil unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens ist. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen – ich habe es zumindest bis vor Kurzem nicht gewusst, das sage ich ganz klar –, dass Gebärdensprache einmal bei Strafe verboten war. Es war ein harter Kampf, bis sie endlich als unverzichtbares Element einer barrierefreien und inklusiven Gesellschaft anerkannt wurde.»

Erwähnenswert ist, dass dieser aufgeklärten Haltung ein offener Brief des DFGS (Deutscher Fachverband für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik e. V.) an die Kanzlerin vorausging. Aus Sicht der Organisation, die die Belange der circa 80.000 in Deutschland lebenden Gehörlosen vertritt, war Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache in ein Fettnäpfchen getreten, als sie leutselig von einem «medizinischen Wunder» berichtete: «Ich habe vor Kurzem einen 10-jährigen Jungen kennengelernt, der fast taub zur Welt kam. Dann erhielt er ein hochmodernes Implantat. Heute kann er Musik hören und ohne Probleme die Schule besuchen.» Ein solches Cochlea-Implantat (kurz: CI) stößt innerhalb der selbstbewussten Gehörlosenkultur freilich auf Ablehnung. Verfechter der deaf identity empfinden eine Propagierung des CI, das eine Art Hörprothese darstellt, als gezielte Nicht-Akzeptanz von Taubheit. Den Einsatz des Implantats werten sie als Herabsetzung der Gebärden- gegenüber der Lautsprache.

Deaf Identity

Zu den passionierten Advokaten dieser deaf identity zählt auch der in Berlin lebende israelische Performancekünstler und Gebärdensprachdolmetscher Gal Naor. Wie bei so vielen seiner Berufsgenossen reichen die Wurzeln der professionellen Beschäftigung mit Gebärdensprache bis weit in die eigene Biografie und das familiäre Umfeld zurück. Es waren die gehörlosen Großeltern – mehr noch als die hörenden Eltern –, die Gal Naor zusätzlich zur hebräischen Lautsprache eine zweite Muttersprache schenkten. Im vergangenen Sommer nahm Naor im Berliner Radialsystem an einem Workshop des israelisch-italienischen Choreografen-Duos matanicola teil, in dessen Zentrum der sogenannte unlearning process stand: Die von matanicola entwickelte und inzwischen international erprobte Methode konzentriert sich auf einen aktiven Prozess des «Verlernens». Dabei sollen – ähnlich dem Abstreifen einer Haut – herkömmliches Sprachwissen und konstruierte Selbstbilder mittels eines bewusst herbeigeführten Verlusts aufgegeben werden, um so zu einer Erweiterung des Ausdrucks- und Bewegungsrepertoires auf der Bühne vorzustoßen. Derzeit arbeitet Gal Naor an dem gemeinsam mit matanicola initiierten Projekt «bodieSLANGuage», das im kommenden Jahr – in konsequenter Fortführung der künstlerischen Forschungen der Choreografen – sieben internationale (gehörlose wie hörende) Performer zusammenbringen wird, die aus unterschiedlichen Kontexten stammen und verschiedene Laut- bzw. Gebärdensprachen sprechen. Denn auch Gal Naor ist überzeugt: Es gibt so viele Sprachen, wie es Tänzer gibt.

In der Berliner U-Bahn bemerkt der Israeli, wie wenig Aufmerksamkeit Gebärdenden hierzulande in der Öffentlichkeit zuteil wird. Alles starrt auf Bildschirme oder Displays, von Aufgeschlossenheit, Interesse, geschweige denn Neugier: kaum eine Spur. Da kann schon mal Heimweh nach südlicheren Gefilden aufkommen. Dann meldet sich Gal Naor bei Skype an und gebärdet mit der geliebten Großmutter in Israel, die in Sachen digitaler Kommunikation auf dem neuesten Stand der Technik ist.

Fühlmusik

Dass Musik von Menschen ganzheitlich wahrgenommen wird und keineswegs nur mit den Ohren, haben auch Forscher der Universität Kassel im Rahmen einer Studie belegt, die das ortsansässige Spohr Museum in Auftrag gab. Intensive Bässe beispielsweise werden von Gehörlosen über den Bauch und die Fußsohlen wahrgenommen. Daher tritt auch die inzwischen weltweit bekannte britische Percussionistin Evelyn Glennie am liebsten barfuß auf. Doris Geist verfährt ganz ähnlich: Auch wenn ihre Stücke nicht durchgängig von Musik begleitet werden, nimmt sie Klänge und Rhythmen vom schwingenden Tanzboden ab. Dabei wird schon mal eine Lautsprecherbox bäuchlings auf das Parkett gelegt und voll aufgedreht. Subtilere Hinweise können Beleuchter geben, etwa indem sie die an- oder abschwellende Musik durch zeitgleiches Hochfahren oder Dimmen des Lichts visualisieren. Doch nicht nur Tänzer, sondern auch ein gehörloses Tanz- oder Ballettpublikum kann in den Genuss von übersetzter Musik kommen. Die scheidende Ballettdirektorin des Saarländischen Staatstheaters, Marguerite Donlon, hat als eine der Ersten die Initiative ergriffen und gezeigt, wie «Theater für alle» geht: Sie engagierte die Gebärdensprachdolmetscherin Isabelle Ridder, die tauben Zuschauern 45 Minuten vor der Vorstellung gebärdend zu vermitteln sucht, was die späteren Töne, Rhythmen und Klänge emotional beim hörenden Publikum auslösen könnten.

Als Doris Geist und Corinna Mindt ihren Workshop in der Schwankhalle beenden, hat sich der anfängliche Sturm zum ersten waschechten Orkan dieses Herbstes ausgeweitet. Während Bremens Reklameständer und Fahrräder das Fliegen lernen und in ganz Norddeutschland der Zugverkehr eingestellt wird, zeigt sich Doris Geist nur wenig überrascht. Schließlich hatte am Vorabend die Dolmetscherin der «Tagesschau mit Gebärdensprache», die stets in einem rechteckigen Aktionsfenster am Bildrand eingeblendet wird, vor Sturmtief «Christian» gewarnt – mit wogendem Schwenken der angewinkelten Unterarme und aus aufgeblasenen Backen pus-tend. Ziemlich unmissverständlich. Der überwältigenden Mehrheit der Reisenden am Bahnhof, die vergeblich nach ihren Zugverbindungen suchen, ist diese Warnung freilich entgangen.

Deswegen folgender Tipp: Durchbrechen Sie doch bei Gelegenheit Ihre Fernsehgewohnheiten und schauen Sie sich die Nachrichten zur Abwechslung mal mit Gebärdensprache an. Für den Anfang genügt ja der Wetterbericht.

Mehr Infos unter gebaerdenfreude.de, doris-tanz.de, matanicola.com, tanzbarbremen.com


Marc Staudacher / Tanz / Seite 66 / Dezember 2013

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