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laurent chétouane
Foto: Robin Junicke
ist der Mann vom Meer. Am Atlantik aufgewachsen, will er bei seinen Tänzern Urgewalten entfesseln. Auch in «Sacré Sacre du Printemps», das jetzt bei der Ruhrtriennale zur Uraufführung kommt

Es gibt ein Allerheiligstes, in das kein fremder Blick sich bohren darf. Das es zu schützen gilt vor jeder Neugier, jeder Form informationsheischender Zudringlichkeit. Weil Menschen sich da in einer Art Niemandsland zusammenfinden, an die Grenzen gehen. Gehen müssen, sagt der Wanderführer. Dieses Mal sind sie zu siebt. Auch ihm, der ihren Grenzgang steuert und darauf achtet, dass keiner eine Direttissima-Abkürzung einschlägt, steht die Spannung ins Gesicht geschrieben: «Ich kann alles ertragen, nur nicht wenn einer tut, als ob. Dieses Als-ob macht mich wahnsinnig – was natürlich eine Ironie ist.» Allerdings. Denn Fiktion ist die grundlegende Verabredung des Theaters. Für Laurent Chétouane zählt dieses Übereinkommen nicht. «Die Begegnung mit dem Publikum in einem Raum ist ein Fakt, das ist die Basis der Arbeit. Was nur so tut, als passiere etwas, ist hinfällig.» Die Zuschauer gehen damit nicht immer überein, weshalb Chétouane seine Darsteller wie ein Löwe beschützt, solange sie noch tasten und sich die Häute ihrer Virtuosität vom Kunstleib schaben, bis die Nervenfasern darunter blank gescheuert sind. Pardon, zu den Proben wird niemand vorgelassen. Zu intim, zu verletzlich und ausgesetzt ist das Geschehen, um es Eindringlingen auszuliefern.

Ein Gespräch aber über das, was da am Ostrand von Berlin allmählich Gestalt annimmt, ist nicht nur möglich, sondern willkommen. Also macht man sich Gedanken über diesen Theatermann, der kein Bühnenzauberer ist und kein Geschichtenerzähler, schon gar kein Vertreter von «Tanztanz und Postmerde», wie der einzige Freud'sche Stolperer, der ihm binnen zwei Stunden unterläuft, verrät. Ansonsten spricht der Franzose ein so melodisches, druckreifes Deutsch, als wäre er damit aufgewachsen. Die Unterschiede zwischen «intelligent», «klug« und «schlau» nuanciert er derart filetmesserscharf, dass es ein Muttersprachler nicht besser zustande brächte. Wie gelingt es, die Abgründe der Worte auszuloten, ja überhaupt in sie einzutauchen, ohne von Kindesbeinen an damit vertraut zu sein? «Sprache lernen ist Liebe. Immer, wenn man jemanden kennenlernt, der eine andere Sprache spricht, dann lernt man sie.» So navigiert er durch einen Ozean von Begriffen, die er sich erobert hat. Mit den Lieben, mit den Jahren.

Überhaupt ist der Ozean das Schlüsselbild seines Lebens. Mit Ibsens Ellida Wangel, der «Frau vom Meer», teilt Chétouane einen unbändigen Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit, die Sehnsucht nach Wildheit, Sturm und Wellenbrechern. Wenn er von seiner Kindheit an der Atlantik-Küste berichtet, von der aufgepeitschten See und den Böen, die gigantische Wolkenberge vor sich herschieben, dann scheint das Wasser bis ans Berliner Mitte-Trottoir zu branden und das Kaffeehaus-Tischlein mit sich fortzuspülen. Wie eine Fata Morgana sieht sich das Gegenüber mit dem Meeresschwärmer auf irgendeinem Felsen stehen und hinausschauen auf das Chaos, auf die geballte, zermalmende und marternde Macht der Natur. Ohne dass darüber gesprochen wird, malt es sich gleichzeitig aus, wie Laurent Chétouane auf die Tänzer blickt, wenn er deren Urgewalten entfesselt. Wenn er sie antreibt, unter seinen aufmerksamen, fordernden, vielleicht gar gierigen und schonungslosen Augen den Orkan ihres Begehrens aufheulen zu lassen.

Zu siebt also unternehmen sie gerade wieder so eine Exkursion in die Untiefen einer Chétouane-Idee. Damit dreht nach den «Tanzstücken #1 bis #4» und «Horizon(s)» das sechste Bewegungsexperiment die Runde durchs Probenlabor. Zugleich ist es ein Pionierprojekt, denn zum ersten Mal steht dabei ein ganzes Werk auf dem Prüfstand – ein Monolith, ein Urgestein der Moderne: Igor Strawinskys «Sacre du printemps», dem der Legenden-Ausleser ein «Sacré» vorgeschaltet hat, was aufs vampireske «monstre sacré» des Theaters ebenso anspielen kann wie auf die sakrale Aura, die das Stück in der Tanz-Historie umweht.  «Sacre» ist immer Skandal, ist Furor, ist Aufstand und Rebellion – ist wie das Meer, das sich gegen den Strand wälzt, zur Gischt schäumt und die Kiesel glatt poliert. Genau dieses Bild – «die Wogen, die gegen den Felsen krachen, aber der Felsen bleibt stehen» – ist, vorerst jedenfalls, die Schlüsselchiffre für «Sacré Sacre du Printemps», das bei der «Ruhrtriennale» zur Uraufführung kommt.

Strawinskys heidnisches Opus begleitet Chétouane seit Kindertagen. «Ich bin ihm im Musikunterricht begegnet, nicht daheim, denn meine Eltern hatten es nicht mit klassischer Musik. Aber diesen Einschlag habe ich niemals vergessen, diese körperliche Erkenntnis – das kann Musik!» Drei Jahrzehnte sind seitdem vergangen, einige Träume zerplatzt. Der erste galt dem Tanz. Als Knirps besucht der stets schnell gelangweilte, Eltern wie Lehrer mit nagendem Forscher- und Wissensdrang nervende Laurent eine Ballettschule. Die Cousine nimmt ihn ins Schlepptau, sofort fängt er Feuer. Die Eltern nicht. Dieser ganze Tutu-Kokolores ist nichts für einen Mann, meint die Mutter. Der Sohn wird diese Kränkung vergessen. Bis er 2006 sein erstes «Tanzstück» entwirft, ein Solo für den sagenhaften Frank Willens, modelliert entlang Heiner Müllers «Bildbeschreibung», die so beiläufig mit Mord und Totschlag hantiert wie die «Wilden Kerle» im Bilderbuch-Urwald von Maurice Sendak.

Laurent geht aufs Gymnasium, ist dort «oft der Beste und gleichzeitig der Lauteste» und stürzt alle Welt in Verzweiflung. Wie oft muss er «hör auf!» ertragen, wie oft das Etikett des Störenfrieds aushalten. Er zieht daraus seine Schlüsse. Heute, mit vierzig Jahren, ist Laurent Chétouane das Gegenteil eines Herdentiers, kein Szenegänger, kein Insider: «Partys mit 20 Leuten sind nicht mein Ding. Ich habe eine Handvoll echter Freunde, aber Ansammlungen machen mich nervös.» Nervosität ist indes das Letzte, was man ihm attestieren möchte, so gelassen, freundlich und friedfertig, wie er da vor seinem Pfefferminztee sitzt. Alles Fassade? «Sagen wir so – ich habe meine Rezepte gefunden, mit der Anspannung umzugehen. Kürzlich fing ich an, Klavier zu spielen, auch einer meiner Kindheitsträume. Ich habe mir ein paar Notenbücher gekauft, und wenn ich unruhig werde, setze ich mich ans Klavier.» Normalerweise engagieren Leute einen Lehrer, um ein Instrument zu lernen. Nicht Chétouane. Alles allein erkunden, im Selbststudium erobern – die Sprachen, die Kunst, das Piano – das ist seine Losung. Er braucht keinen Mentor oder Vorbeter, ein paar Bücher tun es auch: «Ich will Strukturen verstehen, sehen, wo der Fehler ist und wie sie sich verwandeln können. Deshalb interessiert mich Grammatik viel mehr als Vokabeln, obwohl gerade das für viele die Hölle ist.»

Anmut und Radikalität
Die Grammatik seines Werdegangs weist ungewöhnliche Konjugationen auf. Dazu gehört das Studium der Ingenieurwissenschaften, das ihn von Frankreich in die USA und schließlich nach Dortmund führt, gefolgt von dem Entschluss, der Versuchung des Theaters nachzugeben. In Paris und Frankfurt studiert Chétouane Regie, bereits seine ersten Arbeiten erregen Aufmerksamkeit. Bis heute eilt ihm der Ruf voraus, dem Zuschauer sperrige, bisweilen abweisende Inszenierungen vorzulegen, Textopern und Dramenliturgien, die eher protestantische Kargheit als katholischen Frohsinn atmen. Der Hamburger «Woyzeck» (2005) überschreitet endgültig die Schwelle zum Affront. Da schneidet der Schauspieler Devid Striesow einen Stecken, genau wie es Georg Büchner für den Beginn der zweiten Szene vorgesehen hat. Nur tut er es rücklings zum Parkett. «Umdrehen, zu uns spielen – das haben die Leute schon nach zehn Sekunden gebrüllt. Die waren auf hundert-achtzig. Das Stück hat einen Nerv getroffen, was Armut angeht und Radikalität.» Auch aus der schroffen Ablehnung zieht Chétouane seine Lehre und verlegt sich zunehmend auf den Tanz, dessen Publikum er für zugänglicher hält als Schauspielbesucher. 

So stößt er auf den verbotenen Kontinent vor, den seine Eltern ihm zu verbarrikadieren gedachten. Nicht, dass er als Tänzer auf der Bühne stehen möchte: «Mir fehlt der Drang, die Lust, diese Notwendigkeit, sich zu exponieren.» Aber der Körper ist ihm im Lauf der Jahre wichtiger geworden, er ist «die Seele, der Raum, der Geist, einfach alles. Durch den Körper habe ich Zugang zu meinem Inneren, und wenn ich durch einen Raum gehe, dann gehe ich nicht durch etwas Äußeres, sondern ich gehe durch etwas, das ich aus mir selbst öffne.» Der Raum seines Theaters ist denn auch ein vielfaches und verschachteltes Konstrukt: Der Körper, die Zeit, der Ort, Text und Musik – sie alle sind darin als jeweils eigenständige Räume in Bewegung, überlappen, verlagern, ent- und widersprechen sich, um im Moment von Schmerz und Glück für einen Augenblick ineinanderzufallen. Von Anfang an, seit «Tanzstück #1», hat Chétouane so gearbeitet und dabei etwas Einzigartiges hervorgebracht: Seine Darsteller sind Gefäße ihres eigenen Staunens. Nirgendwo anders stehen Bühnenwesen so verwundert vor dem, was sie tun, ohne dabei je ins Parzivaleske abzugleiten. Chétouanes Geschöpfe sind keine Toren, wohl aber Tore in unendliche Bedeutungssphären. Über eine, eineinhalb Stunden halten sie den hohen Ton dieser astralen Befindlichkeit, die völlige Entleerung mit aufschießender Überfülle zu einem Mahlstrom der Bilder verdichtet. Der Anstifter selbst sieht diese «Daueroffenheit», dieses stete Ausdruckspendeln zwischen «Genie und Naivität» als Geschenk, das ihm die Tänzer machen. Oft ist es hart erkämpft, über viele Wochen allen erdenklichen Widerständen abgetrotzt. Denn «natürlich verstecken sie gern etwas, aber auf der Bühne gibt es kein Geheimnis, da braucht es absolute Klarheit und Transparenz.» So müssen fast alle Probenphasen tiefe Täler durchqueren, bevor die Anhöhe in Sicht kommt, von der aus Chétouane auf die Aufführung blinzelt, als dehne sich der mal tosende, mal säuselnde Atlantik seiner Kindheit vor ihm aus. Genauso gebannt, genauso gefesselt wie das Publikum von dem, was die Tänzer «geschehen machen und mit sich geschehen lassen».

Opfer und Ritual
So gesehen scheint es nur folgerichtig, dass ihm nach «Horizon(s)» der «Sacre» in den Sinn kam. «Surprisez-moi» forderte Sergei Diaghilew von seinen Ballets Russes, Chétouane scheint nach gleicher Devise zu verfahren. Der Impresario ließ sich mit «Sacre» die größtmögliche Überraschung einfallen, und das überrumpelte Publikum stampfte Waslaw Nijinskys Choreografie 1913 in Grund und Boden, bevor es das Frühlingsopfer zum Gral auf dem Altar der Tanzmoderne erhob. Für Chétouane ist das Anlass genug, das Signaturstück aus der Nähe zu betrachten, aber eigenwillig wie immer. Seine Version will auf eine «Aufhebung des Opfers» hinaus: Wie lässt sich das tödliche Ritual vermeiden? Wie kann eine Gemeinschaft zusammenwachsen, ohne ein Mitglied auszusondern – selbst dann, wenn es sich als idealer Sündenbock anbietet? Was «muss vielleicht jeder von uns in sich selbst opfern, damit nicht der oder die eine geopfert werden muss?» Solche Fragen stellt sich der Choreograf und trifft damit den neuralgischen Punkt, den alle Systemanalytiker begutachten. Denn Strawinskys Partitur beschreibt nichts anderes als einen organisa-tionstypischen Vorgang: Stabilisierung durch Ausschließung. Oder, mit dem Religionsphilosophen René Girard gesprochen, von dem Chétouane sich inspirieren lässt: Jede Opferung ist der Versuch, eine Gewaltspirale durch kollektiven Exzess zu brechen. Ob kulturelle, ethnische Minderheit oder EU-Krisenmanagement – überall tut sich das Dilemma auf, wie eine Gesellschaft auf Krisen reagieren kann, ohne kurzen Prozess zu machen und Erlösung in der Eliminierung zu suchen.  

Inwiefern Chétouane und seine sieben Mitstreiter eine Alternative zeigen werden, bleibt einstweilen offen. Sicher dagegen ist, dass der Franzose mittlerweile so tief in Berlin verankert ist, dass er sein Insel- gegen ein Atoll-Dasein eintauschen und mit einigen Menschen in engere Nachbarschaft treten möchte: «Eine eigene Truppe ist mein wichtigstes Ziel, ich kann nicht jedes Mal bei null anfangen, das macht auf die Dauer keinen Sinn.» Immerhin wird er demnächst Basisförderung aus dem hauptstädtischen Kulturtopf beziehen. Das ist nicht die Welt, aber besser als nichts. Obendrein bleibt ihm das nötige Quantum Freiheit, um Bücher in Serie zu lesen, «neuerdings sogar wieder Romane und nicht nur Philosophie». Tief angerührt hat ihn zuletzt ein öffentlicher Liebesbrief. «L'homme qui m'aimait tout bas» rief der Ex-Chefredakteur von «Le Monde», Éric Fottorino, seinem verstorbenen Vater nach. Entscheidend jedoch ist der Landstrich, in dem diese Erinnerungen siedeln. Es ist auch Laurent Chétouanes Heimat, nur einen Katzensprung vom Atlantik entfernt. Wann immer er kann, fährt er dorthin, um sich und seine Gedanken forttragen zu lassen von der See. Er ist eben: der Mann vom Meer. 

Sein neues Werk «Sacré Sacre du printemps» hat Premiere zur «Ruhrtriennale» in Essen, Pact Zollverein, 27.–29. Sept. (ruhrtriennale.de)
Zuvor zeigt er «Proposition(s)» in Berlin zur «Tanznacht», Uferstudios,
25. Aug., tanznachtberlin.de


Dorion Weickmann / Tanz / Seite 28 / August 2012

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