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germaine acogny
Foto: Francois Stemmer

hat den Muskelbau eines 25-jährigen Mannes. Dabei ist sie 70 Jahre alt und eine Furie auf der Bühne von Olivier Dubois. Der französische Choreograf pfercht die einstige Schülerin von Maurice Béjart in eine tief dunkle Kiste. Sie, die Mudra Afrique und später ihre eigene Schule gründete, die École des Sables südlich von Dakar an der senegalesischen Küste, genießt eingesperrt ihr Markenzeichen: Ihre geliebte Pfeife glimmt. Sie schmaucht sie in «Mon Élue Noire – Sacre #2» (etwa: Meine auserwählte Schwarze) und stellt zu Strawinskys «Sacre du printemps» eine tanzende Lokomotive vor. Ihre Armen tanzen wie Kolben. Keiner denkt da an ein anderes Opfer als jenes, das sie nach einer von ihr elegant weggeschnippten Musik zwischen den lachenden Zahnreihen herausströmen lässt: das Opfer der Kolonialzeit.
Sie zitiert (zur Eröffnung des Festivals «Made in Potsdam») Aimé Césaires «Discours sur le colonialisme» von 1950: dass der Kolonialist darüber, dass er gezwungen war, im Sklaven ein Tier zu sehen, selbst zu einem Tier werden musste. Germaine Acogny verwandelt sich also nicht in ein bedauernswert ekstatisches Wesen, sondern in eine Kraftstation, die die Bodendeckel ihrer Kiste hochhebt und hinabsteigt in die Tiefen dieses zutiefst dialektischen Opferbegriffs. Opfer ist nicht nur der herabgewürdigte Afrikaner, sondern auch jeder, der bei Afrika das Tierische noch immer mitdenkt.


Arnd Wesemann / Tanz / Seite 27 / März 2015

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