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Foto: Jan Lietaert
Andros Zins-Browne: «The Middle Ages»

Was haben wir da gerade gesehen? Renaissance-Tanz, Modern Dance, Postmodern Dance? Auf jeden Fall eines jener seltenen Stücke, die zugleich höchst anregend sind, zeitweise lustig, und die einen am Ende dennoch ziemlich verwirrt zurücklassen. Was sollen all die drolligen pseudo-historischen Kostüme bedeuten? Schwer zu sagen.

Andere Fragen sind drängender. Etwa, wie wir uns selbst historisch begreifen, unsere Stellung in unserer Epoche einschätzen. Symbolisch wird diese Frage in Form zweier Regie-Entscheidungen aufgegriffen: Zum einen hat die Performance längst begonnen, bevor irgendein Zuschauer den Raum betreten hat und sie dauert auch nach dem Schlussapplaus an, bis der letzte den Saal verlassen hat. Desweiteren ist das Publikum durch die Sitzanordnung auf zwei einander gegenüberliegenden Tribünen gezwungen, sich ständig selbst im Blick zu haben.

Bereits zu Anfang kommt leichte Verwirrung auf, wenn die fünf in Renaissance-Kostüme gesteckten Tänzer in feierlicher Manier über die Bühne schreiten und hüpfen. Zu spätmittelalterlichen Klängen, die, wie die Bewegungen der Performer, alsbald kleine glitches aufweisen Störungen, Verzerrungen, Verzögerungen, bis schließlich ein Metronom den Soundtrack übernimmt. Ab diesem Moment ist jede stilistische Einheitlichkeit dahin: Dragana Bulut und Jaime Llopis wechseln von höfischem Schreiten zu übermütigem Jive; Kennis Hawkins streift sich ein Kostüm über, das unmissverständlich an Oskar Schlemmer erinnert, und führt entsprechende Bewegungen aus. Kurz darauf springen Sandy Williams und Tiran Willemse in Trikots herum, als wären sie Teil einer Cunningham-Choreografie. Doch das ist erst der Anfang: Aus einem Klamottenhaufen suchen sich die Tänzer nun beliebige Teile aus und verwandeln sich in Commedia-dell'-Arte-Figuren. Gleichzeitig beginnt das Licht zu flimmern, auszusetzen oder zu schwinden, bis es auf der Bühne stockdunkel ist und sich in dieser kompletten Finsternis ein Mobiltelefon Gehör verschafft: mit einer Renaissance-Melodie als Klingelton.

Nur ganz allmählich kehrt Licht auf die Bühne zurück, ein hartes, gelbes Licht aus Halogen-Lampen, das die Tänzerkörper gnadenlos ausstellt. Die Performer schert das offenbar wenig: Sie gebärden sich wie unbändig herumalbernde Narren und provokante Faxenmacher. Irgendwann kommt einem die Erkenntnis, dass man dieses ganze Drunter und Drüber aus inkongruenten Bewegungen und Aktionen völlig unangestrengt betrachten kann. Dabei wird dem Zuschauer bei «The Middle Ages» bewusst, in einer Epoche zu leben, in der es keine einheitlichen Stile mehr gibt. Wir haben kein verlässliches Verständnis von unserer Stellung in der Menschheitsgeschichte. Unser Bilderwissen ergibt längst kein Ganzes mehr. Stattdessen probieren und tasten wir herum, endlos. Andros Zins-Browne entlässt uns mit der Frage: Wer sind wir, und wann?

Aus dem Englischen von Marc Staudacher

Wieder in Berlin, HAU2, 21., 22. Nov.; hebbel-am-ufer.de


Pieter T'Jonck / Tanz / Seite 36 / November 2015

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