ulm: roberto scafati «le sacre du printemps ... plus»
So werbewirksam wie der Titel ist das Programm zusammengesetzt: Roberto Scafati erweitert Strawinskys «Frühlingsopfer» zu einem ganzen Jahreszeitenzyklus. Was böte sich da trefflicher an als Vivaldis Violinkonzerte «L’Estate» und «L’Inverno». Auch sie sind Programmmusik, spielen aber auf einer deutlich freundlicheren Skala als Strawinskys schroffes Avantgardewerk. Entsprechend artig fallen Sommer und Winter auch choreografisch aus – mit Liebesgetändel am Strand oder abstraktem Tanz in Röcken für beide Geschlechter.
Gemildert wird der musikalische Beinahe-Crash durch die «Herbstsonne» («Høstsolen»), eine gewaltige, orchesterfarbenfrohe Uraufführung des kanadischen Komponisten Matthew Whittall, zu der Scafati gelbes Licht durch dicken Nebel gleißen lässt. Vogelscheuchenartige Silhouetten geben geheimnisvolle, minimalistische Zeichen, dann aber streuen sie trockene Blätter, und auch der Herbst gerät zum Bilderbuch. Nicht nur die Farben von Marianne Hollensteins Bühnenbildern, sondern auch die Szenen, die der Ulmer Ballettdirektor dazu erfindet, illustrieren viel zu banal die Musik: Im Sommer (rot) verbrennt man sich die Füße, im Winter (blau) wird gefroren, es fällt Schnee, schließlich sterben Mensch und Natur, um – nach der Pause – in «Le sacre du prin-temps» wiedergeboren zu werden.
Auch choreografisch arbeitet Scafati gern als Illustrator. Er zieht gar nicht die Möglichkeit in Betracht, die Jahreszeiten als Seelenzustände oder abstrakt zu sehen, sondern verdoppelt einfach die Musik: Ein Donner zeitigt Kniezittern, ein Glöckchenklingeln Händeschütteln, zu nervösen und arhythmischen Klängen zucken die Körper. Getanzt wird ansonsten durchweg im klassisch-modernen Idiom, dem der Italiener hauptsächlich dekorative Werte abgewinnt.
In «Sacre» geht es um die Essenz des Menschen, symbolisiert hier als DNS-Doppelhelix. Darunter krabbeln Paare hervor, mit deren akrobatischen Hebungen, Stapfen oder tierartigem Watscheln das Vokabular nun weiter und wilder wird. Aber Scafati arbeitet auch weiterhin in braven Ordnungen, lässt seine zwölf Tänzer meist frontal zum Publikum agieren – eine Grenzüberschreitung zum archaischen Ritual findet nicht statt. Das Strawinsky-Werk ist ganz klar der Höhepunkt dieses Jahreszeitenzyklus, der Rest wirkt etwas gewollt hinzuerfunden, als ziele der Choreograf allein darauf ab, die Erwartungen eines Stadttheater-Publikums zu erfüllen. Doch selbst fern der Metropolen werden Zuschauer lieber herausgefordert als derart konventionell gefüttert.
Wieder: 2., 4., 15., 18. Jan.,
20., 23. Febr. theater.ulm.de