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leipzig: Christoph Winkler: «RechtsRadikal»

Der Background ist beängstigend. Noch bevor das eigentliche Stück beginnt, spielt Christoph Winkler einen Soundtrack des Schreckens, der einen schon das Fürchten lehren kann, eine dumpfe Geräuschpalette, die auf eine Demonstration hindeutet, ein ohrenbetäubendes Trillerpfeifenkonzert, vereinzelte Sieg-Heil-Rufe, die das hörbare Ereignis ganz offensichtlich der rechtsradikalen Szene zuordnen. Was man sieht, will zu dem akustischen Overkill nicht so recht passen. Vier Frauen treten auf den Plan, eine nach der anderen: Mercedes Appugliese zunächst, sehr weich und wunderschön, mit einem gerundeten Rücken, der etwas von einem Bogen hat. Dann Emma Daniel, die man für eine Schülerin halten könnte, mit Bewegungen, die Bockigkeit ahnen lassen. Die Dritte, Shiran Eliaserov aus Israel, wirkt vergleichsweise lasziv und dennoch etwas verloren in ihrer Weiblichkeit. Claire Vivianne Sobottke wiederum ist eine Schauspielerin, die man zunächst nicht unbedingt als Tänzerin identifizieren würde.

Ganz unterschiedliche Frauentypen, die eines allerdings gemeinsam haben: Nie und nimmer würde man sie der rechtsradikalen Szene zuordnen. Eher könnte man sie sich in einer Autismus-Studie vorstellen, vielleicht sogar in einer etwas abwegigeren Deutung von «Alice im Wunderland». Doch dem selbstbewussten Choreografen geht es weniger darum, «Formationen im Gleichschritt» abzubilden, wie er in einer Programmhefteinlage sagt. Er will nicht auf der Bühne ein scheinbar stabiles Erscheinungsbild des Rechtsradikalismus reproduzieren, sondern versucht vielmehr, in der Vermummung, vor allem aber in den Verhaltensweisen der vier das zu erspüren, was daran «RechtsRadikal» sein könnte. So jedenfalls nennt Winkler sein Werk.

Das können Blicke sein, die etwas Anklagendes haben, Hände, die eine Gewaltbereitschaft signalisieren, bevor sie sich noch zu Fäusten ballen. Nicht zuletzt aber Bewegungen, die einen langsamen Verlust ihrer Identität erkennen lassen. Je mehr sich die vier Tänzerinnen verausgaben, sich ihrer selbst entäußern, desto anfälliger werden sie in ihrer Leere für einen Extremismus, der ihnen in einer verschworenen Gemeinschaft anscheinend Halt gewährt. Wie in dem reproduzierten Videoclip einer gespenstischen Nazi-Demo streifen sie sich schwarze Kapuzenjacken über – das Gesicht verborgen unter weißen Masken, die sie zu sogenannten «Unsterblichen» machen, als welche sie des Nachts durch deutsche Städte geistern.  Ob das als Ursachenforschung schon reicht? In «Baader» war Winkler schon einen Schritt weiter. Als choreografisches Charakterbild funktioniert «RechtsRadikal» allemal, und am Ende hat Claire Vivianne Sobottke einen Auftritt, so verstörend radikal, wie man sich das insgesamt für die durchaus bedenkenswerte Aufführung gewünscht hätte.

Wieder in Leipzig, LOFFT, 26., 28. und 29. September sowie 21. bis 23. Februar 2014
christoph-winkler.info, berlingogos.de, lofft.de


Hartmut Regitz / Tanz / Seite 50 / August/September 2013

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