Noch ist Nanine Linning in Heidelberg gar nicht richtig angekommen, da verspricht die Stadt nach einem ersten Probelauf bereits, «den Tanz als einen ganz wesentlichen Schwerpunkt des Kulturangebots ... zu etablieren.» Die Ankündigung hört sich gut an – und Holger Schultze tut auch erst mal alles, um Fakten zu schaffen. Alle zwei Jahre sollen im neuen Haus und im UnterwegsTheater «Tanztheatertage» stattfinden, bei denen Gruppen aus der freien Szene und Theater-ensembles aus Baden-Württemberg über ihre Tanzprojekte informieren.
«Heidelberg bietet gute Voraussetzungen, um eine ganze Stadt zu begeistern», meint der neue Intendant – und führt insofern Beweis, als er mit dem Engagement von Johann Kresnik alte Zeiten beschwört, bevor er ab der kommenden Spielzeit mit der aus Osnabrück hierher ziehenden Nanine Linning «neue Perspektiven» entwickelt. Kresnik, erinnert man sich in Heidelberg mit Dankbarkeit, hat hier von 1979 bis 1989 als Ballettdirektor mit seinem «Familiendialog», mit «Mars» und «Sylvia Plath» dem Theater politisch motivierte Publikumskreise erschlossen, die den Tanz nicht nur als ein ästhetisch isoliertes Phänomen betrachten wollten.
Den Zuspruch, den die «Sammlung Prinzhorn» erfährt, gründet sich auf diesem Interesse – zumal das Thema nicht Marketingstrategien des Theaters befriedigt, sondern Kresnik offensichtlich auf der Seele brennt. So hieß 1967 in Köln sein erstes Stück «O sela pei», das Gedichte Schizophrener interpretierte und ihm den Weg nach Bremen ebnete. Später in Heidelberg machte er sich für ein Museum stark, in dem heute über 5000 Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde, Skulpturen und textile Arbeiten lagern, die 1922 als Grundstock von Hans Prinzhorns berühmter Untersuchung «Bildnerei der Geisteskranken» dienten.
Die sind zum Teil in dem Stück zu sehen: feurige Augen, ekstatische Ikonen, kryptische Ornamente, von Marion Eisele auf eine vielfältig verknitterte Alu-Folie projiziert. Davor (und zunächst durch eine Gitterwand vom Orchestergraben getrennt) rund zwei Dutzend Krankenbetten, die den Ort des Geschehens charakterisieren: eine Münchner Klinik 1933. Am Tag des Todes erhebt sich Hans Prinzhorn aus der Matratzengruft. An seiner statt lässt uns Andreas Seifert 16 geschwätzige Szenen lang noch einmal am Leben des Psychiaters und Kunsthistorikers teilhaben. Anderthalb Stunden drücken sich vornehmlich Eltern, Kollegen, Patienten und NS-Chargen die Klinke in die Hand. Weil das auf die Dauer nicht attraktiv ist, legt Kresnik noch eine Revue-Einlage bei und schafft zwischendurch nackte Tatsachen. Frauen gab‘s im Leben des Local Hero zuhauf, einschließlich jener, die Geschichte machte: mit der Tanzkünstlerin Mary Wigman unterhielt Prinzhorn zwischen 1921 und 1923 eine Liebesbeziehung. Choreografisches Theater sieht anders aus, selbst wenn sich unter den Tänzern mit Harald Beutelstahl, Osvaldo Ventriglia oder Yoshiko Waki ein paar der besten Kresnik-Kämpen finden.
Wieder am 23. Mai
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