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disabled theater
Jérôme Bels neuer Coup ist ein Porträt des Theater Hora, einer Schweizer Kompanie, die die künstlerische und kreative Entwicklung von Menschen mit geistiger Behinderung fördert.

Die jüngste Arbeit des französischen Choreografen Jérôme Bel, Premiere war beim «Kunstenfestivaldesarts» in Brüssel, heißt «Disabled Theater». Der Name beschreibt, wie immer bei Bel, akkurat bereits den Inhalt: ein Stück, gemacht von geistig Behinderten, die allesamt professionelle Performer des Theater Hora in Zürich sind. Es mag überraschen, dass ein Mann, der sich so akribisch mit den Mechanismen des Theaters auseinandersetzt, der mit Tänzern wie Véronique Doisneau oder Cédric Andrieux gearbeitet hat, seine Energien nun auf Behinderte richtet, die sich gar nicht erst an herkömmliche Hierarchien, an die Regeln von Ballett oder Modern Dance halten müssen. Für Bel war es zunächst auch gar nicht leicht, seine Akteure überhaupt zu verstehen. Die Kompanie verständigt sich auf Schwyzerdütsch, also musste sich der Choreograf einer Übersetzerin – der Schweizer Choreografin Simone Truong – bedienen, um zu erspüren, wie die Gruppe denkt und fühlt. Aus der Distanz aber hat Bel eine Tugend gemacht. Er wahrt Abstand und zeigt respektvoll seine Faszination für die berührende Präsenz dieser Kompanie. Er macht also genau das, was sein Werk auch sonst auszeichnet: dokumentarisches Theater.

Die Bühne zu «Disabled Theater» ist sehr einfach. Elf Stühle stehen vor den Zuschauern in einer leichten Kurve. Neben jedem Stuhl befindet sich, wie üblich bei Bel, eine Flasche Wasser oder Limonade. Jede davon hat eine andere Farbe und Größe. Die Besitzer scheinen sehr eigen in ihrer Wahl zu sein, Individuen eben mit unverwechselbaren Köpfen und Charakteren, samt aller Vor- und Nachteile, die das hat. Wie bei allen anderen Menschen auch.

Das Stück folgt einer klaren Routine. Bels Übersetzerin Simone Truong wird zu unserer Dolmetscherin. Sie sitzt rechterhand am Tisch vor einem Mikrofon. Die Performer kommen, nehmen Platz. Truong führt kurz in den Abend ein, in Brüssel spricht sie französisch. Der Kompanie wird auf Schweizerdeutsch übersetzt. Alle Sätze beginnen gleich: «Dann hat Jérôme gefragt …». Der Zuschauer sieht und erfährt dieses Theater Hora-Kollektiv von Anfang an genauso, wie Bel es auf der Probebühne auch erfuhr. Er stellte den Darstellern dort kleine Aufgaben, kommunizierte diese über Simone Truong, und betrachtete alles gerade so, wie wir es nun betrachten.

Die Aufgaben scheinen sehr einfach zu sein. Die erste lautet, dass jeder sich ganz allein für eine Minute dem Publikum zeigt, ohne dabei zu reden. Bemerkenswert ist die Ruhe, mit der jeder aufsteht, uns anschaut, auch wenn kaum einer die vollen 60 Sekunden durchhält. Die meisten kehren schon zur Halbzeit zum Stuhl zurück. Aber das reicht, um zu sehen, wie sehr sich diese Menschen unterscheiden, auch diejenigen mit Down-Syndrom, das nur scheinbar so große Ähnlichkeit erzeugt. Manche sind stämmig und groß, andere mager und dünn, manche übergewichtig, andere träge und passiv, einige überraschend selbstbewusst. Einem der Jungs, Remo Beuggert, ist ein dichter Bart gewachsen, der so gar nicht zu seinem knabenhaften Gesicht passen will. Sein eigenwilliger Stil ist eben auch eine Erkennungsmarke. Alle machen ihre Sache ziemlich gut, nur der Älteste tut das, was es zu tun gibt, etwas «zu gut». Peter Keller schaut mit wonnigem Gesicht nicht eine, sondern zwei Minuten ins Publikum. Die Übersetzerin sagt «Danke, Peter», sagt es ein paarmal. Wenn er sich endlich setzt, geschieht es mit einem verwunderten Ausdruck über diesen komplexen Theater-Code mit seinen undurchsichtigen Verabredungen zu Dauer und Komposition.

Bei der nächsten Aufgabe werden die Performer gebeten, einzeln vorzutreten, ihren
Namen, ihr Alter und ihren Beruf zu nennen. Einige wie Gianni Blumer haben damit große Schwierigkeiten, andere wie Damian Bright antworten höchst prägnant. Bels nächste Frage wirkt brutal, so, als gehöre sie sich nicht: «Dann hat Jérôme gefragt: Welche Behinderung habt ihr?» Manche benutzen einen medizinischen Begriff wie Down-Syndrom, andere sagen, sie seien «sehr langsam». Sie alle reden nicht so darüber, als würde ihnen etwas Bestimmtes fehlen. Sie bestätigen lediglich, vom Durchschnitt etwas abzuweichen. Nur Lorraine Meier verweigert sich der Antwort. Sie sagt: «Es tut mir weh.» Und beginnt zu weinen. Es ist ein so plötzlicher, herzzerreißender Moment – einer, der sich vielleicht nicht jeden Abend wiederholt. Er zeigt, wie überwältigend direkt oder irritierend spontan diese Menschen auf eine Situation oder Frage reagieren. Sie machen keine Anstalten, sie täuschen nichts vor. Die meisten von ihnen wären wohl auch kaum zu feinerer Verstellung in der Lage. Als Schauspieler müssen sie deshalb ohne das gebräuchlichste Werkzeug auskommen. Umso faszinierter schauen wir hin. Ist das noch Theater?

Kritik im perfekten Rap
Die Antwort darauf gibt vielleicht die nächste Frage. Die Übersetzerin bittet sieben der Performer, ihren eigenen Tanz zu zeigen. Nur sieben, sonst würde die Vorstellung zu lange dauern, sagt sie. Es folgen große Momente. Matthias Grandjean überzeugt mit einem innigen Tanz zu Big-Band-Musik. Sara Hess erfindet sich eine regelrechte Dramaturgie zu sanfter Discomusik, markiert sehr klar Anfang und Ende ihres Auftritts und nutzt ein Kleidungsstück, um Bewegungen zu betonen, ihnen sogar eine Bedeutung zu verleihen. Als Matthias Brücker die Bühne zu einer Punknummer betritt, tanzen auch die anderen mit: Ein Mädchen greift frenetisch in seine Luftgitarre, ein anderes schleudert das lange Haar, ein Junge wirbelt seine Arme wie ein völlig durchgedrehter Drummer. Auch Peter Keller holt zum Ayman-Schlager «Du bist mein Stern» das Beste aus sich heraus. Julia Häusermann nutzt die Gassenvorhänge, verschwindet dahinter, nur ihre Hand sieht man tanzen. Später imitiert sie wunderbar Michael-Jackson-Schritte. Remo Beuggert verlegt sich auf einen Pogo zu Electro-Pop. Überraschend ist die schwerbehinderte Lorraine Meier, weil sie kaum fähig ist, mehr als Arme und Beine zu bewegen. Doch spürt man zu Abbas «Dancing Queen», wie viel Bewusstsein für die Musik sie mitbringt. Wieder kehrt der Gedanke an diesen Punkt zurück: Was diese Performer ausdrücken, ist doch unmissverständlich genau das, was sie wirklich sind – komplexe Lebenskunstwerke.

Sie leben auf der Bühne, als sei sie die Realität. Dazu gehört auch der denkbar sinnvollste Abgang überhaupt. Sie suchen die Toilette auf, wenn sie müssen. Die eintretende Pause sorgt kurzzeitig für Konfusion. Nicht nur auf der Bühne denken manche, das Stück sei vorbei. Das Finale beginnt aber erst jetzt: «Dann hat Jérôme gefragt: Was denkt ihr selber
über das Stück?» Manche nutzen die Gelegenheit, ihren eigenen Tanz zu kommentieren, die meisten aber für eine Beschwerde. Gianni Blumer klagt, er sei nicht ausgewählt worden, um mitzutanzen (obwohl er dabei war …), und dass er viel lieber die Leute zum Lachen bringen würde. Julia Häusermann findet, sie hätte lieber zur Musik von Justin Bieber getanzt als zu der von Michael Jackson. Matthias Brücker äußert Kritik in einem perfekten Rap. Danach sind sich alle einig: Sie mochten den Abend gar nicht. Sie finden, das war eine Freakshow.

Der Vorwurf ist umso interessanter, weil der Zuschauer genau das eben nicht gesehen zu haben meint. Im Gegenteil. Er zollt den Performern jede Menge Respekt. Ein warmer, herzlicher Applaus umfängt sie. Aber der Vorwurf bleibt stecken wie ein Stachel im Fleisch. Wahrscheinlich wissen die Mitglieder des Theater Hora, wie sehr sie als «fast» normale Personen betrachtet werden, die auch «fast» wie richtige Tänzer oder Performer agieren können. Aber genau dieses Nur-Beinahe-Verstecken-Können ihres jeweiligen Defekts relativieren oder intellektualisieren wir, um sie so irgendwie, meist nur scheinhaft, zu integrieren. Bel ist, wie sein Publikum, zunächst an gar nichts anderem interessiert als an dem, was sie wirklich sind. Individuen mit ihren Eigentümlichkeiten, die sonst eher schnell auf ein unglückliches, dem Leistungsethos nicht gewachsenes Dasein reduziert werden. Bel geht es allein um ihre Sichtbarkeit. Das reicht. Wie sagt die sonst sehr stille Miranda Hossle am Ende: «Ich arbeite für mich selbst, nicht für jemand anderen.» Dann verlässt sie mit den anderen die Bühne, jede und jeder geht in seinem eigenen Tempo ab.

Die Essenz ist politisch, immer
2003 hat Jérôme Bel in einem Interview gesagt: «Es ist, als ob im Theater der Text einen Schirm spannt zwischen dem Zuschauer und dem Performer. Damit trennt er die Welt in eine reale und in eine fiktive. Ich kenne und respektiere diese Verabredung des Theaters, sie scheint mir nur unrettbar altmodisch zu sein. Selbst wenn ich ein Stück aufführen würde, dürfte der Text nur ein Vorwort sein, um sich darüber klar zu werden, wie wir über die Bedeutung von menschlichen Handlungen sprechen. Normalerweise, zumindest im zeitgenössischen Tanz, stehen die Tänzer wie nackt auf der Bühne, ohne den Schutz einer Rolle, die sie repräsentieren, und mit nichts in der Hand als ihrer eigenen Subjektivität. Das bedeutet aber nicht, dass ich damit die unmittelbare Präsenz eines Tänzers suche. Das wäre naiv, das verleugnet die eigentliche Essenz von Theater. Denn die Essenz ist, dass jede Bewegung innerhalb einer Konstellation des Theaters immer gerahmt wird. Eben durch eine Bedeutung. Genau das limitiert das Theater auch so, denn es gibt hier keine Unmittelbarkeit. Dafür aber eröffnet sich die Möglichkeit, jedwede wichtige, hier eben auch jedwede politische Frage nach der Bedeutung zu stellen und wie sie zustande kommt. Und das geht nur im Theater.»

Seine Überlegung stimmt bis heute. Es geht nicht um das Unmittelbare, sondern um das Hinterfragen auch der Konventionen des Theaters. Genau das geschah mit seinen Tänzerporträts, genau das geschieht nun mit «Disabled Theater». Die Fragen ändern seine, auch unsere Haltung. Man sieht die Performer als das, was sie sind, nicht als diejenigen, die sie repräsentieren. Man sieht sie – durch Bel – als Individuen mit eigenen Stärken und Schwächen, mit ihren Unmöglichkeiten. Aber auch mit den ganz anderen Möglichkeiten ihrer Köpfe und Körper. Gerade weil Bel sie so ähnlich porträtiert wie andere Tänzer auch, denkt man weniger an ihre Behinderung als an unser Unvermögen, sie einfach als das wahrzunehmen, was sie sind, auch jenseits aller political correctness: als anders befähigt.

Wieder in Avignon, «Festival d’Avignon», 9.–15. Juli (festival-avignon.com); Essen, «Ruhrtriennale», PACT Zollverein, 23.–25. Aug. (ruhrtriennale.de); Zürich, «Theaterspektakel», 29. Aug. bis 1. Sept. (theaterspektakel.ch); Kassel, «Documenta 13», 12.–16. Sept. (d13.documenta.de)
hora.ch


Pieter T‘Jonck / Tanz / Seite 12 / Juli 2012

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