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Körper: Im Wandel

Middlesex
Foto: Nada Zgank
«MDLSX» heißt der jüngste Wurf von Daniela Nicolò und Enrico Casagrande, den Gründern des italienischen Performance-Kollektivs Motus. Als solistisches Kraftzentrum haben sie erneut die Performerin Silvia Calderoni engagiert

Mit «MDLSX» hat sich Motus auf die Fahnen geschrieben, eine bewusste, wohlüberlegte und authentische Antwort auf die Frage «Was bist du?» zu formulieren, die sich Silvia Calderoni ihr ganzes Leben lang – privat und auf der Bühne – hat anhören müssen. Die 34-jährige Performerin, Inspirationsquell und zentraler dramatischer Motor aller bisherigen größeren Motus-Produktionen, imponiert seit jeher mit ihrer ungewöhnlichen Bühnenpräsenz und ihrem androgynen Körper, den sie in wilder Spontanität bewegt: Schlank, geradezu mager und doch sehnig und muskulös, wirkt Calderoni wie ein Ephebe – eine Gestalt, die seltsam zeitenthoben anmutet, wie im Schwebezustand des Werdens begriffen. «Ich lebe ausschließlich in der Gegenwart», erklärt Calderoni denn auch und definiert damit zugleich den Ausgangspunkt, den Nicolò und Casa grande für ihr neues Stück gewählt haben, das einerseits als Porträt der Solistin konzipiert ist, andererseits aber auch als extremer Ausflug an die Grenzen der Performing Arts schlechthin. Allein die radikale Ausstellung der Verwundbarkeit Calderonis zwingt das Publikum, nach Antworten auf jene Frage zu suchen, die die Italienierin im Wortsinn zu verkörpern scheint: «Jetzt, da ihr mir zuseht, müsst ihr es mir sagen: Wer oder was bin ich?» Darüberhinaus hat «MDLSX» auch eine literarische Vorlage: den mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Roman «Middlesex» von Jeffrey Eugenides um die Lebens- und Selbsterfahrungsgeschichte von Calliope (später Cal), einer intersexuellen Figur, die als Mädchen erzogen wurde, hormonell betrachtet jedoch ein Junge ist. Mit der Romanfigur verbindet Calderoni noch ein weiterer Umstand: Auch sie wird, in Anlehnung an ihren Familiennamen, im Bekanntenkreis gerne «Cal» genannt.

Hinter den Spiegeln ...

Auf der Bühne wird Calderoni von elektronischen Augen verfolgt. Das Smartphone und die kleine Videokamera, die die Darstellerin einsetzt, dringen als visuelle Erweiterungen des Handlungsgerüsts tief in ihre Gefühlswelten vor und loten mit kühl-digitaler Unbarmherzigkeit jede Ausdrucksnuance ihres Gesichts, jede durchlebte Emotion aus. Am DJ-Pult auf der Bühne erweist sich Calderoni als Zeremonienmeisterin der Club-Szene, wenn sie Songs von Interpreten spielt, die ihr Leben wesentlich geprägt haben: REM, The Smiths, Gianni Morandi, Stromae, The Smashing Pumpkins oder Vincent Gallo. Derweil flimmern private Aufnahmen über eine neonfarben erleuchtete Videoleinwand: Calderoni als Kind, das auf einem regionalen Song Festival eine populäre italienische Anti-Vietnamkriegs-Ballade singt («C‘era un ragazzo che come me amava i Beatles e i Rolling Stones»), dann als Teenager, der unverblümt erklärt: «Bei meiner Beerdigung will ich keine Priester, sondern Musik von The Smiths», oder im elterlichen Wohnzimmer, tanzend mit ihrem Vater. So wird die Songlist mit den insgesamt zwanzig Liedern, die sie vorspielt, zum Protokoll der zwanzig Stationen von Calderonis inneren Kämpfen.

Die Gleichzeitigkeit der virtuellen Realitäten, die Videoleinwand und installierte Spiegel mit Eugenides‘ fiktiver Romanfigur parallelschalten, sowie Calderonis Echtzeit-Performance vor dem unmittelbar reagierenden Publikum beschwören in ihrer Totalität einen schwindelerregenden, emotionalen Kurzschluss herauf. Schreie, Provokationen, all das hat Calderoni nicht nötig; stattdessen durchtanzt sie die eigenen, einsamen emotionalen Räume – und dringt, wie Lewis Carrolls Alice, hinter die Spiegel vor. Vor allem diese unverhohlene Intimität macht «MDLSX» weniger zum engagierten Transgender-Manifest als zum vertraulichen Bekenntnis eines Menschen auf der Suche nach Erfüllung, egal was er/sie nun eigentlich «ist». Immer deutlicher kristallisiert sich die Frage heraus, die Motus in Gestalt der blonden Performerin artikuliert: «Wer sagt denn, dass Anderssein automatisch Leiden bedeutet?»

spricht der Körper

Schritt für Schritt wandelt Calderoni auf der Suche nach dem persönlichen Glück auf den beschwerlichen, bisweilen halsbrecherischen Pfaden ihrer Biografie. Sie erinnert sich an Kämpfe innerhalb der Familie, Diskriminierungen in der Schule, die ständige Ungewissheit der sozialen Akzeptanz. Dazu rezitiert sie mit schneidender Stimme Begriffe und Auszüge aus Schlüsseltexten der Gender-Forschung (u. a. aus Judith Butlers «Das Unbehagen der Geschlechter»), aber auch Krankenberichte und genetische Analysen. Vor allem aber spricht: ihr Körper. Es sind ihre Bewegungen, die noch weitaus beredter von den kontinuierlichen Spannungszuständen künden, die Calderoni seit Jahrzehnten durchlebt, von innerer Wut, die jeden Moment explodieren kann, vom Widerstreit unablässig gedeckelter Gefühle wie Zweifel und Angst. Calderoni zeigt sich uns nackt, liefert sich im Zustand äußerster Verwundbarkeit als entwaffnend menschliches Wesen aus, in ständigem Werden begriffen. Trotzdem, oder gerade deshalb, könnte man sie durchaus auch als Monster begreifen (das von lat. monere abgeleitete Substantiv monstrum meint ursprünglich eine naturwidrige Erscheinung, mit der die Götter dem Menschen ein mahnendes Zeichen geben.) «Jedenfalls möchte ich nicht als Aushängeschild der Gender- und Geschlechtsidentitäts-Bewegung betrachtet werden», betont Calderoni. «Das ist nicht meine Aufgabe. Ob ich so etwas in der Art repräsentiere, müssen andere beurteilen.»

Einige Stimmen haben «MDLSX» als kollektive emotionale Liturgie bezeichnet und das Stück als Bekräftigung der These gedeutet, dass Identität nichts Naturgegebenes ist, sondern vielmehr das Resultat von individuellen Kämpfen, Entscheidungen und – häufig unbehaglichen oder schmerzhaften – Entwicklungen. Das Publikum zeigt sich in weiten Teilen ausgesprochen berührt und bewegt. Am Ende mischen sich emotionale Kundgebungen und hier und da auch Tränen unter den befreienden Applaus. «Das Stück», sagt Silvia Calderoni, «eröffnet zwar mit Überlegungen zum Thema Geschlechtsidentität, mündet am Schluss jedoch in der Erkenntnis des eigentlich Wesentlichen: dass die persönliche Freiheit eines jeden Menschen erobert werden will und muss. Und manchmal besteht diese Freiheit eben auch in der Entscheidung, keine Wahl zu treffen.»

Aus dem Englischen von Marc Staudacher


Silvia Poletti / Tanz / Seite 78 / Jahrbuch 2016

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