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heidelberg: nanine linning «silver»
Foto: Annemone Taake

Das Seil ist bis zum Zerreißen gespannt, und noch bevor die Vorstellung eigentlich begonnen hat, wird dem Zuschauer bewusst: Wer sich einmal ins Netz begeben hat, kommt nicht mehr frei. Immer wieder stemmt sich Paolo Amerio gegen die Verführung, minutenlang, während ihn Raumklänge von Michiel Jansen umgaukeln: eine vergleichsweise unspektakuläre, relativ statische Szene, die einen jedoch gut auf das Schreckensszenario einstimmt, das Nanine­ Linning mit «SILVER» anderthalb Stunden lang entwirft.

Denn ihre Zukunftsvisionen haben immer etwas Albtraumhaftes, zumal wenn sie sich assoziativ geben. Gleich zu Anfang bemächtigen sich Automaten eines Menschenbildes, das ganz offensichtlich dem der Choreografin gleicht. Wie sie selbst von blondem Haar umrahmt, hängt es zunächst maskenhaft an der Wand. Einmal übergestreift, verändert es nicht nur das Bewegungspotenzial der Androiden. In den anschließenden Szenen erschaffen sich diese Übermenschen Wesen, die ihnen zu Willen sind. Zunächst ist das ein einzelnes Menschenpaar, wie aus Ton geformt, das aufeinander losgelassen wird, ohne dass es sich wirklich berührt. Demi-Carlin Aarts und Endre Schumicky beschnuppern sich wie Tiere. Und anders als ihre künstlichen Erzeuger bewegen sie sich in ihrem «Human Duo» überaus organisch und sehr, sehr schnell: ein choreografischer Gegensatz, dem Nanine Linning durchaus dramatische Seiten abzugewinnen weiß.

Noch extremer wirkt wenig später das Retortengeschöpf, das anfangs wie ein Klumpen Erde anmutet. Erst als die künstlichen Geschöpfe das Flüssiglatex abkratzen, kommt ein Menschlein zum Vorschein, das fast etwas Spinnenhaftes hat. Emma Välimäki wirkt, als bestünde sie nur aus Haut und Knochen, und doch gleitet das finnische Ensemblemitglied der Dance Company Nanine Linning/Theater Heidelberg mit einer grotesken Geschmeidigkeit über die Bühne des Marguerre-Saals, als wollte es einem bedrohlichen Schicksal enteilen.

Die Gefahr nimmt Gestalt an, wenn sich vor dem monochromen Hintergrund monströse Figuren abzeichnen, die einem Francis Bacon hätten einfallen können, hier aber von Bart Hess stammen, der zum ersten Mal im Bereich Tanz arbeitet: kraftvolle Klone, wie mit Anabolika aufgepäppelt. Endlos reihen sie sich ein in einen Zug, der, genetisch optimiert, allerdings in einem Kollaps endet. Fehlentwicklungen sind eben nicht ganz auszuschließen, und das Zottelwesen, das eine Szene später im stroboskopischen Licht herumzuckt, scheint sich körperlich völlig zu verzetteln.

Für Nanine Linning ist «SILVER» die Farbe der Zukunft, denn die sieht keinesfalls rosig aus. Am Schluss wird den letzten Geschöpfen die Haut abgezogen. Während das Eigentliche der Menschen beim Abdecker landet, scheint ihre Haut weiterzuleben: eine starke Szene einer verstörenden «Tanzproduktion», die man nicht so schnell ad acta legen wird.

Wieder am 27. Febr., 18. März,  4., 15. und 28. April, 31. Mai, 2., 5. und 19. Juni;
theaterheidelberg.de


Hartmut Regitz / Tanz / Seite 40 / Februar 2016

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